26. 9. 2023
creative.talk

Mona Neubaur
Ministerin für Wirtschaft, Industrie, Klimaschutz und Energie des Landes Nordrhein-Westfalen

Mona Neubaur

Mona Neubaur ist vor 25 Jahren nach Nordrhein-Westfalen gezogen und hat in Düsseldorf ihre Heimat gefunden. Nach dem Abschluss als Diplom-Pädagogin arbeitete sie zunächst in der Energiewirtschaft und anschließend bei der Heinrich Böll Stiftung NRW, davon vier Jahre als Geschäftsführerin. Von 2014 bis 2022 war sie Landesvorsitzende der GRÜNEN in Nordrhein-Westfalen. Seit dem 29. Juni 2022 ist Mona Neubaur stellvertretende Ministerpräsidentin sowie Ministerin für Wirtschaft, Industrie, Klimaschutz und Energie des Landes Nordrhein-Westfalen.

Foto: ©MWIKE NRW/Nils Leon Brauer

Wir freuen uns sehr, dass Sie bei der Preisverleihung unseres Projekts creative.challenges am 24. Oktober 2023 dabei sind und die Auszeichnungen an die Kreativ-Teams mit den besten Ideen übergeben. Was ist zurzeit Ihre größte „Challenge“ als Wirtschaftsministerin des Landes?

Die größte Aufgabe liegt auf der Hand: in einer Zeit, in der sich die Herausforderungen und Krisen stapeln, den Weg unseres Landes hin zu einem modernen, erfolgreichen und klimaneutralen Industrieland voranzutreiben. In meinem Haus liegen dafür entscheidende Handlungsfelder – die Wirtschaftsministerin ist auch Klimaschutz- und Energieministerin. Die große Aufgabe stellt dann hunderte Challenges – vom kleinsten Nebensatz in einer gesetzlichen Regelung, die den Ausbau der Erneuerbaren voranbringt, bis zur millionenschweren Förderung von Transformationsprojekten der Industrie, von der Unterstützung von KMU bei der Umstellung auf klimaneutrale Produktion bis zur Förderung der Start-up-Szene und der Kreativwirtschaft. Alles greift am Ende auch ineinander – und das macht dann wieder Mut: Denn so wie die Krisen ineinandergreifen, so tun es auch die Lösungen, die wir in vielen Feldern suchen und finden, die täglich in Werkstätten, Co-Working-Spaces, Ateliers und Fabrikhallen erarbeitet werden. Es geht also darum, dass jede und jeder an ihrer und seiner Stelle sagt: „Challenge accepted“. Und das tut eine Mona Neubaur als Ministerin, aber vor allem tun das 18 Millionen Menschen in unserem wunderbaren, bunten Nordrhein-Westfalen jeden Tag.

Für die creative.challenges haben drei Unternehmen ihre besonderen Problemstellungen aus den Bereichen Kreislaufwirtschaft, nachhaltige Außenraumgestaltung und Fachkräftemangel eingereicht. Im Oktober treffen sich drei interdisziplinäre Kreativ-Teams, um gemeinsam praxistaugliche Lösungen zu entwickeln. Wie wichtig ist es, dass Kreativschaffende bei der Bewältigung solcher gesellschaftlichen wie wirtschaftlichen Herausforderungen miteinbezogen werden?

In der Kreativwirtschaft werden Ideen und Projekte „out of the box“ entwickelt. Es entstehen Innovationen, die nah am Leben der Menschen und nah an der gesellschaftlichen Realität sind. Diejenigen einzubeziehen, deren Kompetenz darin liegt, Neues zu erschaffen, ist also eine gute Idee, die wir weiter pushen sollten. Beim Projekt „creative.challenges“ werden Kreativteams mit Akteur:innen verschiedener Unternehmen gematcht, die vor ganz unterschiedlichen Herausforderungen stehen. Das ist ein wirklich interessanter Ansatz, und ich bin schon sehr gespannt, welche Lösungsansätze am Ende entstehen. Und vielleicht motiviert das Projekt andere Unternehmen, solche Formate künftig auch intern umzusetzen im Zusammenspiel mit Kreativen. Wir brauchen branchenübergreifende Kooperationen und neue Herangehensweisen, um den komplexen Herausforderungen der doppelten Transformation mit dem Weg zur Klimaneutralität und dem Übergang zur digitalen Gesellschaft zu begegnen. Wir brauchen mehr Mut, wir müssen die Hindernisse sehen, aber auch die vorhandenen Kräfte, um sie zu überwinden. Die Kreativwirtschaft leistet einen großen Beitrag, solche Chancen aufzuzeigen. Kreativität ist der Faktor, der aus der Gegenwart eines „So wird´s gemacht“ ein zukunftsoffenes „Warum nicht ganz anders und viel besser?“ machen kann. Das brauchen wir heute mehr denn je.

Sie sind nun seit über einem Jahr unsere Kreativwirtschaftsministerin in Nordrhein-Westfalen. Wie nehmen Sie die Kreativbranche wahr? Was macht sie im Gegensatz und im Zusammenspiel mit den anderen Wirtschaftsbranchen aus?

Meine Wahrnehmung, die vor allem im direkten Kontakt entsteht oder jedenfalls wesentlich davon geprägt wird, ist vor allem erst einmal ein „Wow-Gefühl“: Die Mischung aus harter Arbeit und Herzblut, die die Szene ausmacht, begeistert mich jedes Mal aufs Neue. Beeindruckend finde ich auch, dass unternehmerisches Handeln vielfach an einer werteorientierten Ökonomie ausgerichtet wird. Wichtige Themen wie Nachhaltigkeit, Bewältigung der Klimakrise oder Kreislaufwirtschaft werden bei vielen kreativwirtschaftlichen Projekten oder Gründungen von Anfang an mitgedacht, sind quasi ein selbstverständlicher, natürlicher Teil in der Konzeption und Realisierung von Geschäftsmodellen. Und noch etwas zeichnet die Kreativwirtschaft aus: Sie erprobt neue Verfahren, Produkte und Prozesse eher prototypisch, als langen Verfahren oder einem festgelegten Plan zu folgen. Das führt mitunter recht schnell zu überraschenden Ergebnissen und Lösungsansätzen. Kreative sind also auch Innovations- und Transformationsbeschleuniger.

Nordrhein-Westfalen ist ein starker Kreativwirtschaftsstandort. Es gibt Hoffnung, dass sich die Branche langsam von den zum Teil gravierenden Rückschlägen durch die Corona-Pandemie erholt. Das ist ein gutes Zeichen. Allerdings werden die Leistungen und Potenziale der Kreativwirtschaft vielfach noch nicht ausreichend wahrgenommen. Wir müssen daher die Kreativwirtschaft in Nordrhein-Westfalen sichtbarer machen, stärker für sie „trommeln“. Als Ministerin ist es mir daher ein großes Anliegen, die Kreativschaffenden in unserem Land nach Kräften zu unterstützen mit Hilfe von creative.nrw und Förderprojekten, die dazu dienen, noch mehr Kreative zum Gründen in Nordrhein-Westfalen zu bewegen und sie bei ihrem Weg des erschaffenden und wirtschaftlichen Erfolgs zu begleiten.

Auch wenn NRWs Kreativwirtschaft im Vergleich zur Gesamtwirtschaft einen hohen Frauenanteil aufweist, ist eine Geschlechtergerechtigkeit längst nicht gegeben. Probleme wie Gender Pay Gap, zu wenig Frauen in Führungspositionen, Vorständen oder Jurys oder die Vereinbarkeit von Beruf und Familie sind auch für Frauen in der Kreativwirtschaft allgegenwärtig. Welche Strategie verfolgen Sie, um die Bedingungen für Frauen zu verbessern?

Es stimmt: Wir sind von der Hälfte der (Wirtschafts-)Welt noch weit entfernt. Wo immer wir als Ministerium, ich als Ministerin Einfluss nehmen können auf Parität, da tun wir das, tue ich das. Bei den angesprochenen Jurys und Gremien achten wir darauf, und wir stellen Frauen, wo immer es geht, auf die Bühne. Denn es braucht Vorbilder, es braucht Sichtbarkeit und Selbstbewusstsein. Wir wollen auch den Anteil der Gründerinnen erhöhen und richten unsere Förderprogramme entsprechend aus. Das Gründungsstipendium wird jetzt beispielsweise auf die Realität von Müttern ausgerichtet. Also für das konkrete Arbeiten im und als Ministerium heißt es: Parität als Normalität verstehen und wo das noch nicht so weit ist, entsprechende Maßnahmen ergreifen und manchmal auch noch das „alte Denken“ durchbrechen. Damit wirken wir dann wiederum als „Normalitätsvorbilder“ – eine Paradoxie dieser Zeit, in der Parität eigentlich längst normal sein sollte, aber die Lage noch immer hinter der Erkenntnis zurückbleibt. Diese Paradoxie werden wir alle gemeinsam auflösen müssen. An kreativen, fleißigen, erfolgreichen Frauen, die es verdient hätten, auf die Bühne – im wörtlichen wie im übertragenen Sinne von Verantwortungsübernahme – zu klettern, mangelt es jedenfalls nicht.

Sie bezeichnen sich selbst als Optimistin. Wie schaffen Sie es, in dieser gesamtgesellschaftlich schwierigen Lage, diesen großen Herausforderungen jeden Tag mit neuem Mut zu begegnen?

Als Ministerin habe ich das Privileg, viel im Land herzukommen, viele Menschen zu treffen. Das sind ganz unterschiedliche Termine, ganz unterschiedliche Menschen. Aber eines ist eigentlich überall gleich: die Leidenschaft, die Frauen und Männer für ihr jeweiliges Projekt, ihre Arbeit, ihr Unternehmen aufbringen und die große „Anpack“-Mentalität. Und wenn Sie das jeden Tag erleben dürfen, dann wirkt das auf den eigenen Mut, den ich tatsächlich als bekennende Optimistin nie verliere, wie der beste Verstärker.

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