Am 2. Juli 2026 bringt die Landesanstalt für Medien NRW beim Tagesfestival LAUT UND KLAR in Düsseldorf Medienschaffende, Creator:innen und engagierte Menschen aus NRW zusammen, um gemeinsam herauszufinden, wie Medien konkret den demokratischen Zusammenhalt stärken können. Das Festival ist Teil der Initiative „Sei laut. Sei klar. Medien in NRW für Demokratie und Zusammenhalt“, unter der die Landesanstalt noch ein Förderprogramm und einen Wettbewerb vereint.
Als Leiterin der Gruppe Medienvielfalt und Innovation setzt Simone Jost-Westendorf sich seit 2015 bei der Landesanstalt für Medien NRW für eine starke und vielfältige Medienlandschaft in Nordrhein-Westfalen ein. Gemeinsam mit ihrem Team fördert sie die journalistische Vielfalt durch Innovations- und Nachwuchsprogramme und macht sich für einen vielfältigen medialen Diskurs stark.
Simone Jost-Westendorf
Landesanstalt für Medien NRW

Mit der Initiative „Sei laut. Sei klar. Medien in NRW für Demokratie und Zusammenhalt“ will die Landesanstalt für Medien NRW ein deutliches Zeichen gegen Polarisierung und Extremismus setzen. Was hat Sie dazu bewogen?
Die Initiative ist unsere Antwort auf eine Medienwelt, die sich rasant verändert. Digitale Plattformen und soziale Netzwerke prägen heute maßgeblich, wie Informationen verbreitet, wahrgenommen und bewertet werden. Noch nie war es so einfach, Inhalte zu verbreiten – gleichzeitig aber auch Menschen gezielt zu beeinflussen.
Demokratie lebt davon, dass Menschen Zugang zu verlässlichen Informationen haben und sich auf dieser Grundlage eine eigene Meinung bilden können. Dafür braucht es eine vielfältige Medienlandschaft und Bürgerinnen und Bürger, die Informationen kritisch einordnen können.
Hier setzt unsere Initiative an: Wir stärken Medienvielfalt, Medienkompetenz und gesellschaftlichen Zusammenhalt. Wir unterstützen Medienschaffende und Projekte, die Orientierung geben und Verantwortung für den öffentlichen Diskurs übernehmen.
Das Festival „LAUT UND KLAR“ bringt Journalist:innen, Creator:innen, Vereine und engagierte Bürger:innen zusammen und stellt die Frage, wie Medien Orientierung geben, Dialog fördern und unterschiedliche Perspektiven sichtbar machen können. Welche Verantwortung tragen Ihrer Meinung nach Medienmacher:innen heute für den demokratischen Zusammenhalt – und wo sehen Sie die größten Herausforderungen?
Medienmacherinnen und Medienmacher tragen eine große Verantwortung. Ihre Inhalte prägen, wie Menschen gesellschaftliche Entwicklungen wahrnehmen und einordnen. Im besten Fall schaffen Medien Orientierung, machen unterschiedliche Perspektiven sichtbar und ermöglichen einen respektvollen Austausch.
Die größte Herausforderung ist, dass sich die Bedingungen, unter denen Öffentlichkeit entsteht, stark verändert haben. Digitale Plattformen und ihre Algorithmen beeinflussen, welche Inhalte sichtbar werden und welche nicht.
Umso wichtiger ist es, dass Journalistinnen und Journalisten sowie Creatorinnen und Creator Verantwortung übernehmen und bewusst gegensteuern: durch verlässliche Informationen, Einordnung und Formate, die auch unter diesen Bedingungen Orientierung bieten.
Viele Menschen informieren sich heute primär über soziale Netzwerke, deren Inhalte von Algorithmen und zunehmend auch von KI gesteuert werden. Welche Auswirkungen hat das auf die öffentliche Meinungsbildung? Und wie verändern soziale Medien die Rolle des klassischen Journalismus?
Soziale Netzwerke haben die öffentliche Meinungsbildung grundlegend verändert. Sie ermöglichen einen schnellen Zugang zu Informationen und geben vielen Menschen eine Stimme. Gleichzeitig folgen Sichtbarkeit und Reichweite heute einer anderen Logik. Problematisch sind dabei insbesondere die Kriterien, nach denen Inhalte ausgespielt werden: Beiträge, die über Emotionalisierung oder Zuspitzung funktionieren, werden bevorzugt ausgespielt, weil sie häufiger geklickt, kommentiert und geteilt werden. Das kann Polarisierung fördern und begünstigt die Verbreitung von Desinformation.
Der klassische Journalismus verliert dadurch nicht an Bedeutung – im Gegenteil. Verlässliche Einordnung und das verständliche Erklären von Zusammenhängen werden unter diesen Bedingungen immer wichtiger. Gleichzeitig reicht es nicht mehr aus, gute Inhalte zu produzieren: Journalismus muss neue Wege finden, um Menschen dort zu erreichen, wo sie sich informieren: auf Plattformen, in sozialen Netzwerken und in neuen digitalen Formaten.
Hat privatwirtschaftlicher Journalismus in diesem Umfeld überhaupt noch eine Chance, oder braucht es künftig andere Geschäftsmodelle?
Privatwirtschaftlicher Journalismus bleibt ein zentraler Bestandteil einer demokratischen Öffentlichkeit. Gleichzeitig stehen Medienhäuser wirtschaftlich unter Druck. Werbemärkte, Plattformen und Nutzungsgewohnheiten haben sich stark verändert.
Viele Redaktionen reagieren bereits auf diesen Wandel: neue Formate, Ausspielwege und Finanzierungsmodelle werden erprobt. Um mit der Geschwindigkeit an Entwicklung mitzuhalten, braucht es jedoch noch mehr innovative Ansätze.
Aus unserer Sicht geht es deshalb nicht um ein Entweder-Oder zwischen klassischen und neuen Geschäftsmodellen. Journalistische Qualität bleibt die Grundlage. Gleichzeitig gewinnen Fragen nach Sichtbarkeit, Auffindbarkeit und Distribution an Bedeutung. Wer Menschen informieren möchte, muss auch verstehen, wie sie Medien heute nutzen und über welche Kanäle sie Informationen beziehen. Erfolgreich werden vermutlich diejenigen sein, die beides miteinander verbinden: hochwertigen Journalismus und die Fähigkeit, Inhalte dort sichtbar zu machen, wo öffentliche Meinungsbildung heute stattfindet.
Formate wie das im Festival-Programm vertretene Multiplayer-Game „MERKMAL: RADIKAL!“ zeigen, dass demokratische Bildung längst nicht mehr nur über klassische Informationsangebote funktioniert. Welches Potenzial sehen Sie generell in der Kultur- und Kreativwirtschaft, demokratische Werte und Medienkompetenz zu stärken?
Die Kultur- und Kreativwirtschaft hat großes Potenzial, Menschen anders zu erreichen. Games, Podcasts und soziale Netzwerke sind für viele längst zentrale Zugänge zu gesellschaftlichen Themen.
Solche Formate können komplexe Inhalte zugänglich machen und Zielgruppen erreichen, die klassische Informationsangebote oft nicht ansprechen. Gerade bei der Vermittlung von Medienkompetenz oder im Umgang mit manipulativen Inhalten sind kreative Ansätze besonders wirksam.
Sie bringen Menschen ins Gespräch und regen dazu an, Informationen kritisch zu hinterfragen. Deshalb ist es uns wichtig, neben klassischen Medienangeboten auch innovative und kreative Ansätze zu unterstützen.
Teil Ihrer Initiative ist neben dem Festival und einem Wettbewerb auch ein Förderprogramm für Creator:innen und Medienunternehmen, die sich für Demokratie und Zusammenhalt einsetzen. Welche Ideen haben Sie bei den Einreichungen besonders beeindruckt?
Besonders beeindruckt hat uns die Vielfalt der eingereichten Ideen. Die Projekte zeigen, wie viele Medienschaffende bereit sind, neue Wege zu gehen, um Menschen zu erreichen.
Das Spektrum reicht von Podcasts und Live-Journalismus über Social-Media-Projekte bis hin zu Games und lokalen Beteiligungsformaten. Viele Einreichungen setzen genau dort an, wo klassische Nachrichtenangebote kaum noch genutzt werden. Andere entwickeln innovative Ansätze im Umgang mit Desinformation, stärken Medienkompetenz oder bringen unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen ins Gespräch.
Genau dieses Zusammenspiel macht eine vielfältige demokratische Öffentlichkeit aus und ist die Grundlage für Meinungsbildung.
Wenn Sie über Deutschland hinausblicken: Gibt es Länder, die beim Umgang mit Medienvielfalt, Desinformation oder Medienkompetenz eine Vorreiterrolle einnehmen? Was machen diese Länder besonders gut – und was können wir davon lernen?
Es gibt kein Land, das alle Herausforderungen perfekt gelöst hat. Aber einige haben interessante Ansätze entwickelt, von denen wir lernen können.
Finnland etwa: Dort wird Medienkompetenz seit vielen Jahren gezielt vermittelt – in Schulen und darüber hinaus. Menschen lernen früh, Informationen einzuordnen, Quellen zu prüfen und manipulative Inhalte zu erkennen. Das schafft eine wichtige Grundlage für eine resiliente demokratische Öffentlichkeit.
Auch Estland ist ein spannendes Beispiel. Das Land investiert stark in digitale Bildung und beschäftigt sich intensiv mit Fragen der digitalen Resilienz. Bürgerinnen und Bürger sollen verstehen, wie digitale Kommunikation funktioniert und welche Risiken und Chancen damit verbunden sind.
Gleichzeitig zeigt sich in vielen Ländern, nicht zuletzt in Deutschland, wie wichtig starke lokale und regionale Medien für den gesellschaftlichen Zusammenhalt sind. Hier wird großer Wert auf unabhängigen Journalismus und Medienvielfalt gelegt.
Was wir daraus lernen können: Der Umgang mit Desinformationen beginnt nicht erst mit ihrer Verbreitung. Entscheidend ist, Menschen frühzeitig zu befähigen, Informationen kritisch einzuordnen und unterschiedliche Perspektiven kennenzulernen. Gleichzeitig brauchen wir eine vielfältige Medienlandschaft mit starken journalistischen Angeboten und innovativen Formaten, auch im lokalen und regionalen Raum. Hier setzt unsere Initiative an.