21. 5. 2026
creative.talk

Melanie Schmitt & Maren Walter
kaethe:k Kunsthaus

Maren Walter und Melanie Schmitt

Das kaethe:k Kunsthaus der Gold-Kraemer-Stiftung in Pulheim bietet künstlerisch talentierten Menschen mit Behinderung Atelierplätze in den Bereichen Malerei, Plastik, Grafik, neue und interdisziplinäre Medien. Ergänzt wird das Angebot durch individuelle künstlerische Assistenz, Bildungsangebote sowie ein Netzwerk in den Kunst- und Kulturbetrieb. Mit dem Projekt k:onnekt – Berufliche Perspektiven für Künstler:innen mit Behinderung schlägt das kaethe:k in Kooperation mit creative.nrw erstmals eine Brücke in die Kreativwirtschaft. Im creative.talk geben Melanie Schmitt und Maren Walter Einblick in das Projekt.

Bevor wir auf k:onnekt schauen: Worin besteht eure Arbeit im kaethe:k Kunsthaus genau? Und wie kann man als kreativer Mensch mit Beeinträchtigung bei euch mitmachen?

Aktuell arbeiten im kaethe:k 14 Künstler:innen mit Behinderung, die in den letzten Jahren – um genau zu sein, seit der Gründung im Jahr 2020 – zu uns gestoßen sind. Alle haben ein außerordentliches künstlerisches Talent, hatten aber vorher keine Chance, sich auf regulären Wegen künstlerisch zu professionalisieren. Bei uns erhalten sie einen Atelierarbeitsplatz und können in einem oder mehreren Genres der bildenden Kunst eine eigene Handschrift finden und ein Werk entwickeln. Die individuelle künstlerische Arbeit wird ergänzt durch verschiedene Bildungsangebote, Projektarbeiten und Kooperationen mit dem Kunst- und Kulturbetrieb. Unser multiprofessionelles Team, bestehend aus freischaffenden Künstler:innen, Kunstpädagog:innen, Kulturmanager:innen und Sozialpädagog:innen, schafft dabei den Rahmen, der für ihre persönliche und künstlerische Weiterentwicklung förderlich ist. Ganz allmählich zeichnen sich bei allen neue Professionalisierungsziele und Bedarfe ab, die wir vor ein paar Jahren noch gar nicht antizipieren konnten.

Wir sind immer auf der Suche nach jungen Talenten mit Behinderung, die sich künstlerisch entwickeln und einen Arbeitsplatz bei uns annehmen wollen. Man kann sich bei uns ganz niedrigschwellig mit wenigen Arbeitsproben und einem Motivationsschreiben bewerben. Anschließend bieten wir ein Praktikum (zum gegenseitigen Kennenlernen) an. Am Ende entscheiden die künstlerische Eignung, die Umsetzungsfähigkeit sowie die Motivation, sich auf einen professionellen Weg zu begeben, über eine Aufnahme im kaethe:k.

Mit dem Projekt k:onnekt geht ihr nun einen Schritt weiter und bringt die teilnehmenden Künstler:innen mit Unternehmen aus der Kultur- und Kreativwirtschaft zusammen. Worin bestehen eurer Meinung nach die größten Hürden für Menschen mit Behinderung beim Zugang zum Arbeitsmarkt? Gibt es Besonderheiten bei kreativen Berufen?

Die Hürden sind in der Regel strukturell, und ganz pauschal lässt sich sagen, dass Deutschland beim Thema Bildung und Beschäftigung von Menschen mit Behinderung im Ländervergleich hinterherhinkt; u.a. wird die UN-Behindertenrechtskonvention zu langsam umgesetzt. Menschen mit Behinderung gehen häufig Beschäftigungen nach, die auf dem sogenannten zweiten Arbeitsmarkt angesiedelt sind. Dies ist nicht für alle schlecht, hat je nach Blickwinkel Vor- und Nachteile. Wer sich aber weiterentwickeln und selbstbestimmt über die eigene Bildungs- und Erwerbsbiografie entscheiden möchte, steht in diesem System häufig in einer Sackgasse.

Wir setzen mit k:onnekt bei der Kreativwirtschaft an, weil die Interessen und Kompetenzen der kaethe:k-Künstler:innen in diese Richtung weisen. Bisher nimmt die Kreativbranche das Potenzial von Kreativen mit Behinderung kaum wahr, weil diese aufgrund von starren Strukturen und unflexiblen Ausbildungssystemen wenige Möglichkeiten haben, ihre individuellen Stärken, eigenen Berufswünsche oder kreativen Potenziale professionell auszuschöpfen. Talente bleiben oft unsichtbar – nicht, weil sie fehlen, sondern weil sie sich nicht entwickeln können.

Mit k:onnekt wollt ihr genau hier ansetzen. Wie läuft das Projekt ab, und was ist das zentrale Ziel?

Ganz allgemein gesprochen, verfolgen wir mit k:onnekt das Ziel, neue berufliche Perspektiven für Kreative mit Behinderung in der Kreativwirtschaft zu erschließen. Mit Unterstützung von creative.nrw werden dazu gezielt Betriebe und Organisationen angesprochen, die Lust auf neue inklusive Erfahrungen haben sowie Potenziale erkennen und fördern möchten – durch Mentoring, Hospitationen und Praktika.

Zusammen mit unseren Kooperationspartner:innen und den teilnehmenden Künstler:innen reflektieren wir fortwährend Chancen und Herausforderungen und machen sichtbar, welche Tätigkeitsprofile sich entwickeln lassen, welche Qualifizierungsbedarfe bestehen und was unternommen werden kann, um sowohl den Verbleib in Beschäftigung als auch gelingende Übergänge nachhaltig abzusichern.

Am Ende des Projekts haben wir uns nicht nur ein neues Netzwerk in der Kreativwirtschaft und neue individuelle berufliche Perspektiven für die Künstler:innen erschlossen, sondern auch für neue inklusive Karrierewege sensibilisiert, die weit über den Projektzeitraum hinauswirken können und hoffentlich auch weiteren Generationen von Kreativen mit Behinderung echte Chancen in der Kreativwirtschaft bieten.

Welche Perspektiven eröffnet k:onnekt für die teilnehmenden Künstler:innen?

Am Beispiel von Elias von Martial lässt sich das gut aufzeigen: https://kaethe-k.de/artists/elias-von-martial/. Im kaethe:k arbeitet der Künstler an einem umfassenden zeichnerischen Werk, das Utopien, Mythen und Fantasiewelten mit aktuellen gesellschaftspolitischen Themen verbindet. Durch die Entwicklung eines eigenen Stils, das Erlernen von Zeichentechniken und das Aneignen von Storytelling-Methoden haben seine Arbeiten in den letzten Jahren eine enorme künstlerische Qualität entfaltet.

Sein künstlerisches Portfolio und sein popkulturelles Interesse an Sci-Fi und Fantasy bilden dabei die Grundlage für weiterführende Professionalisierungsschritte. An der Kunsthochschule für Medien hat er beispielsweise ein Seminar zu den Grundlagen der Animation besucht und seine Zeichnungen in bewegte Bilder übersetzt. Bei einem Praktikum bei der bildundtonfabrik in Köln-Ehrenfeld baut er seine Skills derzeit in der Postproduktion aus, lernt erste Schritte im digitalen Zeichnen und neue Software-Anwendungen. Für Elias von Martial eröffnen sich damit ganz neue Tätigkeitsfelder, Kompetenzen und berufspraktische Erfahrungen, die er sich auf dem regulären Weg nicht ohne Weiteres hätte erschließen können.

Aktuell seid ihr noch auf der Suche nach teilnehmenden Unternehmen aus der Kreativwirtschaft. Welche Teilmärkte sind für euch bzw. die Künstler:innen besonders interessant?

Wie bei Elias von Martial schauen wir auch hier zunächst auf die künstlerische Arbeit und die Interessen der Künstler:innen, um anschließend gemeinsam Anknüpfungspunkte in der Kreativwirtschaft zu identifizieren. Genauer in den Blick genommen haben wir bisher die Gaming- und Softwareindustrie (Entwicklung von Welten und Charakteren), die kreativen Gewerke im Theater (Bühnenplastik, Bühnenmalerei, Requisite, Kostümbild), die Medienproduktion, die Kunst- und Kulturvermittlung, das Kunsthandwerk und alles rund um Illustration (Verlage, Bildungsanbieter etc.).

Festgelegt sind wir allerdings nicht, vielmehr befinden wir uns beim Aufbau unseres Netzwerks und bei der Suche nach Unternehmen in einem fortwährenden Prozess. Viele Möglichkeiten, Learnings und Ideen ergeben sich nämlich erst in Gesprächen, bei Hospitationen, Mentorings und Praktika. Daher sind wir immer offen für Anregungen und können uns durchaus vorstellen, in Zukunft noch andere Teilmärkte und weitere Kooperationspartner:innen zu erschließen.

Warum sollten Kreativunternehmen an k:onnekt teilnehmen – welche Chancen oder Mehrwerte kann die Zusammenarbeit mit künstlerisch arbeitenden Menschen mit Behinderung bringen?

Eine Teilnahme an k:onnekt eröffnet Kreativunternehmen gleich mehrere Chancen. Zum einen lernen sie Kreative kennen, die mit einer ganz eigenen Bildsprache und ungewöhnlichen Perspektiven arbeiten. Genau diese künstlerische Eigenheit kann ein echter Impuls für kreative Prozesse sein, sei es in der Konzeptentwicklung, im Design, in der Illustration oder in der Produktion.

Zum anderen bietet die Zusammenarbeit die Möglichkeit, die eigene Unternehmenskultur weiterzuentwickeln. Inklusion bedeutet ja nicht nur, Barrieren abzubauen, sondern auch, eingespielte Routinen zu hinterfragen: Wie kommunizieren wir? Wie gestalten wir Arbeitsprozesse? Solche Fragen können neue Sichtweisen eröffnen, die in die Teams hineinwirken und das gesamte Unternehmen bereichern.

Nicht zuletzt geht es um Haltung und Zukunftsfähigkeit. Wer sich für Teilhabe und Vielfalt einsetzt, positioniert sich glaubwürdig gegenüber Mitarbeitenden, Kund:innen und Partnern. k:onnekt bietet dafür einen niedrigschwelligen, gut begleiteten Rahmen: Die Unternehmen müssen das Rad nicht neu erfinden, sondern werden von uns durch den gesamten Prozess unterstützt – von der ersten Begegnung über Hospitationen und Mentorings bis hin zu längerfristigen Praktika oder Projektkooperationen.

Wie könnte eine inklusive Kultur- und Kreativwirtschaft aus eurer Sicht in Zukunft aussehen?

Eine inklusive Kultur- und Kreativwirtschaft wäre eine Branche, in der die Kompetenzen von Kreativen mit Behinderung nicht länger als „Sonderfall" gelten, sondern als selbstverständlicher und gleichwertiger Bestandteil einer vielfältigen Arbeitswelt. Eine Branche, in der Künstler:innen mit Behinderung einfach Kolleg:innen, Auftragnehmende und Gestaltende sind.

Konkret hieße das: flexible Ausbildungs- und Qualifizierungsformate, die individuelle Stärken in den Mittelpunkt stellen, statt sie an starren Normen zu messen. Arbeits- und Projektstrukturen, die unterschiedliche Bedarfe mitdenken, sei es bei Arbeitszeiten, Kommunikationsformen oder Assistenzleistungen. Förderprogramme und Vergabeverfahren, die inklusive Zusammenarbeit aktiv unterstützen. Und Räume, physisch wie digital, die Zugänglichkeit von Anfang an mitdenken.

Außerdem braucht es neue Erzählungen und Vorbilder. Solange Kreative mit Behinderung in Ateliers, Ausstellungshäusern, Agenturen oder Produktionsteams kaum sichtbar sind, bleibt das Thema abstrakt. Sichtbarkeit schafft Selbstverständlichkeit und ermutigt nachfolgende Generationen, eigene Wege zu gehen.

Es wäre großartig, wenn Projekte wie k:onnekt langfristig überflüssig würden, weil inklusive Karrierewege in der Kreativwirtschaft und im Kulturbetrieb genauso selbstverständlich werden wie alle anderen auch. Bis dahin verstehen wir die Arbeit des kaethe:k als Brückenbauen: zwischen Kreativen mit Behinderung und Unternehmen, zwischen Kunst, Bildung und Wirtschaft. Zwischen dem, was heute Realität ist, und dem, was morgen möglich werden kann.

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