23. 3. 2026
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Martin Kiel
the black frame

Martin Kiel

Martin Kiel arbeitet an der Schnittstelle von Wirtschaft und Geisteswissenschaften. Aktuell leitet er den Think Tank „the black frame“, mit dem er Unternehmen zu Innovation und Transformation berät und begleitet. Bei unserem Panel „Wer nur optimiert, verliert. Wie Cross Innovation über Wettbewerbsfähigkeit entscheidet“ auf dem German Creative Economy Summit am 28. April 2026 in Hamburg wird er seine Sicht auf Cross Innovation darlegen. Im Vorfeld haben wir mit ihm gesprochen.

Foto: Matthias Dersch

Du bist Teil unseres Panels „Wer nur optimiert, verliert. Wie Cross Innovation über Wettbewerbsfähigkeit entscheidet“ beim German Creative Economy Summit in Hamburg. Grundsätzlich geht es bei Cross Innovation darum, dass Kreativschaffende und klassische Wirtschaftsunternehmen gemeinsame Sache machen, wenn es um Problemlösungen geht. Warum hältst du das für eine gute Idee?

Für mich ist es eher eine Normalität. Man könnte auch sagen, dass es sich eigentlich nicht um getrennte Bereiche handelt. Wirtschaftlichkeit und Kreativität müssen sich oder besser dürften sich ja nicht ausschließen. Dennoch hat man den Eindruck, zumindest wird es so kolportiert, dass Wirtschaftsunternehmen und Kreativwirtschaft sich irgendwann, aus welchen Gründen auch immer, getrennt haben. Vielleicht aus den Gründen der Spezialisierung, der Effizienz, der Effektivität, der Skalierbarkeit. Das Differenzierende ist der Imperativ, der sich in der Wirtschaft manifestiert hat. Nur so werden spezielle Produkte und Services möglich. Aus diesem Vorteil ergibt sich manchmal auch ein Nachteil. Manchmal braucht es für das Neue, die Innovation einen Umweg. Hohe Spezialisierung verbietet dies oftmals. Dies gilt für beide Seiten. Und hier kommt das Thema Cross Innovation ins Spiel. Jeder kann etwas von einem anderen lernen. Andere Perspektiven. Manchmal muss man sogar Dinge verlernen.

Beim Panel mit dabei ist Georg Reckhaus als Vertreter der Initiative INSECT-RESPECT der Reckhaus GmbH. Das Projekt gilt als außergewöhnliches Beispiel dafür, wie eine künstlerische Intervention die Transformation eines Unternehmens anstoßen kann – hier vom Insektenvernichter zum Insektenretter. Was zeigt dieser Case aus deiner Sicht über das transformative Potenzial kreativer Impulse für Wirtschaft und Unternehmenskultur?

Manchmal ist Transformation ja auch nur ein anderer Blickwinkel auf das Gleiche. Das Projekt von Herrn Reckhaus und seinem Unternehmen spiegelt dies exemplarisch. Durch die Hinzunahme künstlerischer Perspektiven, die sicherlich zunächst eine Reibung erzeugt haben, die vielleicht irritativ waren, entwickelten sich neue Möglichkeiten: andere Perspektiven auf das Gleiche, die dann, wenn man so mag, eine Drehung erfolgen lassen. Vielleicht beginnt Transformation mit einer Drehung, die sich dann in einem anderen Geschäftsmodell widerspiegelt. Insofern ist eine künstlerische Intervention immer auch ein Hereinbrechen von Gegenwarts- und Zukunftsbezügen, die für ein Unternehmen nochmal grundsätzlich eine Frage von Strategie, Geschäftsmodell und Gegenwart bedeuten. Vielleicht ist dies eine radikale Form von Trendforschung, die sich dann in eine unternehmerische Praxis überführt. Es wird so fast nicht mehr unterscheidbar, ob es Kunst oder ein Wirtschaftsunternehmen ist. Vielleicht ist es ja beides?

Du kommst ursprünglich aus den Geistes- und Kulturwissenschaften und hast später in verschiedenen Managementrollen gearbeitet. Wie prägt dieser Perspektivwechsel zwischen Kultur, Wissenschaft und Wirtschaft deine Sicht auf unternehmerische Transformation?

Transformation ist ein großes, komplexes, aber auch teilweise die Dinge verstellendes Wort. Ich denke, wenn man aus den Geisteswissenschaften und hier, wie ich speziell, aus den Literaturwissenschaften kommt, dann ist man eher ein Experte im Deuten und Auslegen von Dingen, von Texten. Und wenn man weiterdenkt, dann kommt man sehr schnell in der Praxis zu einer Handlungshermeneutik, also im Deuten Dinge zu erschaffen. So lässt man ähnlich wie ein Künstler, eine Künstlerin in der Interpretation einer Welt ein Werk entstehen. Bei Unternehmen handelt es sich in gewisser Weise auch um Texte, also letztlich um Handlungen, um Unternehmungen, die eine Geschichte erzählen und wie ein Text lesbar werden. Ein Management ist natürlich angelegt, diese Geschichten aktiv in eine Handlung zu überführen, also im besten Sinne an die Hand zu nehmen.

Du hast verschiedene Transformationsprozesse in Unternehmen begleitet und verbindest unterschiedliche Disziplinen und Denkweisen. Inwiefern war die Kreativwirtschaft da beteiligt? Gibt es Best Practices, von denen du berichten kannst?

Man könnte grundsätzlich zwei Praxen unterscheiden, die sich aber auch nicht gegenseitig ausschließen. Menschen in einem Unternehmen sind nicht unbedingt nur das, was sie als Rolle auf ihrer Visitenkarte stehen haben, sondern alle Menschen in einem Unternehmen bringen durchaus vielleicht unterschiedliche Disziplinen, Erfahrungen und Geschichten mit. Ich nenne dies „das Mitgebrachte“ und forsche gerade auch an der FernUniversität in Hagen dazu. Man kann durchaus das Cross-Innovative auch im Unternehmen selbst finden. Dies wird oftmals aber gar nicht genutzt, da Rollen und Positionen Handlungen determinieren. Die Kreativwirtschaft kommt oft dann ins Spiel, wenn dies nicht reicht oder auch gar nicht erst möglich ist: Interventionen, die von außen hinzugenommen werden oder sich in einer temporären Abteilung, einem Pop-up-Bereich, manifestieren, indem verschiedene unterschiedliche Disziplinen versammelt werden.

Das postmoderne Paradigma von Leslie A. Fiedlers „Cross the Border – Close the Gap“ begleitet dich seit deiner Promotion. Kurz gesagt, geht es darum, die Grenze zwischen Hochkultur und Massenkultur aufzuheben. Inwiefern lässt sich das auf deine Arbeit in und mit der Wirtschaft übertragen? Und wie ließe sich Cross Innovation dahingehend einordnen?

Ich möchte hier mal mit einer Fortführung von Fiedlers Thema antworten. Crossing heißt ja auch, etwas übereinanderzulegen. Insofern geht es gar nicht so sehr nur um das Brückenbauen. Ich verbinde zwar Orte, Areale und Disziplinen, diese bleiben aber zumeist weiterhin für sich, was ja auch seine Vorteile und seine Berechtigung hat. Jedoch: Brücken können einstürzen, Grenzen wieder geschlossen werden. Wir merken dies ja auch im Politischen an fast jedem Tag. Ich beschäftige mich derzeit gar nicht so sehr mit dem Denkbild der Brücke, sondern eher mit dem des vergleichenden Sehens – und hier speziell mit der Überblendung (Aby Warburg), also der Frage, was passiert, wenn man unterschiedliche Dinge übereinanderlegt? Wenn sie als Einheit, als ein Bild, als ein Modell, als ein Ding, als eine Organisation erscheinen? Oder, noch wichtiger, was ist noch als trennend zu erkennen, was scheint schon als Eines? Dann ergibt sich etwas Neues: eine forschende Ästhetik, die hier eben ein Übereinanderlegen ist. Und insofern – um hier letztlich dann doch eine „Brücke“ zu schlagen zur Cross Innovation – geht es ja hier auch darum, nicht nur ergänzende Perspektiven zu erhalten, sondern dies dann in etwas Neues zu überführen: einen Prototyp, ein Start-up?

Wenn du auf die nächsten Jahre blickst: Wo siehst du die größten Chancen für kreative Kompetenzen in Wirtschaft und Gesellschaft – und was müsste sich verändern, damit Cross Innovation nicht die Ausnahme bleibt?

Man könnte sich natürlich fragen, ob Cross Innovation wirklich die Ausnahme ist oder wir sie nur nicht sehen oder zu selten sehen? Insofern läge die erste und feinste Aufgabe darin, sie sichtbar zu machen – wie etwa auf dem German Creative Economy Summit in Hamburg. Grundständig ist in diesem Kontext in Bildung zu investieren, um hier strukturelle Herausforderungen anzugehen. Dort, wie schon gesagt, liegt ja eher die Spezialisierung im Fokus und oftmals nicht die der Kollaboration, dies müsste gestärkt werden. Nur so kann Cross Innovation sich als etwas Natürliches ereignen. Ich denke, wir alle sind dazu aufgerufen, nicht müde zu werden, diese vielen schönen Geschichten immer und immer wieder zu erzählen.

Martin Kiel studierte Germanistik, Biologie, Philosophie, Archäologie und Kunstgeschichte an der Ruhr-Universität Bochum. 1995 promovierte er über Christoph Ransmayrs „Die letzte Welt“ und entwickelte daraus ein Modell zur Klärung postmoderner Phänomene.
Nach der Promotion widmete er sich dem produktiven Wechselspiel und der Brückenbildung von ökonomischen zu literaturwissenschaftlichen Kontexten. So arbeitete er in verschiedenen Management-Rollen (Marketing Thalia, Geschäftsführung (CIO) Douglas Informatik, Prokurist codecentric AG) und Bereichen, die sich zumeist der Digitalisierung stellten oder Transformationen in Prozessen und Organisationen zur Aufgabe hatten.
Neben verschiedenen Lehr- und Forschungstätigkeiten als Lehrbeauftragter beziehungsweise Visiting Professor lehrte Martin Kiel von 2015 bis 2024 Kommunikationstheorie und verbale Kommunikation an der Universität der Künste Berlin (Gastprofessur 2015 – 2018). Seit 2025 ist er Honorar-Professor am Institut für Neuere deutsche Literatur- und Medienwissenschaft der FernUniversität in Hagen.
Aktuell leitet Martin Kiel den Think Tank „the black frame“.

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