23. 9. 2025
creative.talk

Lara Valsamidis
Urbanes Kulturlabor

Lara Valsamidis

Im Oktober feiert in Mönchengladbach ein neues Konferenz- und Festivalformat Premiere: blank spaces. Zwei Tage lang – am 23. und 24. Oktober 2025 – wird die Stadt zum Experimentierfeld für Ideen, wie Kultur, Kreativität und Stadtentwicklung neu zusammengedacht werden können. Im Fokus: die Rolle der Kultur- und Kreativwirtschaft als Motor für eine lebenswerte Stadt und als Impulsgeberin für gesellschaftlichen Wandel. Unter anderem spricht creative.nrw-Projektleiterin Ines Rainer über das Potenzial von Cross-Innovation und zeigt anhand von Good Practices aus NRW, wie Kreative innovative Veränderungen in anderen Bereichen vorantreiben können.

Lara Valsamidis ist Teil des Teams der urbanen Kulturlabor gGmbh, das das Festival ins Leben gerufen hat.

Foto: Simon Erath

Mit blank spaces startet im Oktober ein neues Conference-Festival in Mönchengladbach. Was war eure Motivation, dieses Format ins Leben zu rufen – und welche Lücke wollt ihr damit schließen?

Bei der Entwicklung des blank spaces haben uns verschiede Aspekte angetrieben. Wir selbst sind Akteur:innen der urbanen Kultur- und Kreativwirtschaft (KKW) aus Mönchengladbach und der Region und haben als Kulturmanager:innen, Veranstalter:innen und Designer:innen den Wunsch gehabt, uns für die KKW vor Ort stark zu machen. Wir wollten ein Format schaffen, in dem Kultur- und Kreativpotenziale erlebbar werden, wie eben auf einem Kulturfestival, aber gleichzeitig auch einen Diskursraum öffnen, in dem Austausch Platz findet – wie auf einer Konferenz. Denn es gilt noch einige Hürden zu nehmen, damit die KKW noch stärker als Innovationstreiberin wahrgenommen und unterstützt wird. Es gibt zu wenig Brücken in die Verwaltung, Politik und Wirtschaft – und damit nicht genug strukturelle Wirksamkeit. Viele Menschen haben ein Verständnis dafür, dass Kreative wichtige Player für eine lebenswerte Stadt und eine starke, demokratische Gesellschaft sind. Aber wie kommen sie in Prozesse und an Tische – dahin, wo Veränderung initiiert wird? Genau darauf wollen wir hinarbeiten: mehr Vernetzung, mehr Kollaboration und mehr Co-Produktion zwischen den verschiedenen Akteur:innen.

Mönchengladbach wurde lange das „Rheinische Manchester“ genannt – die Textilindustrie hat die Stadt geprägt wie kaum ein anderer Wirtschaftszweig. Inwiefern spielt diese industrielle Vergangenheit für euch und für die Ideen von blank spaces eine Rolle?

Die industrielle Vergangenheit Mönchengladbachs als ein Zentrum der Textilproduktion prägt sicherlich bis heute das Selbstverständnis der Stadt. Es ist ein Beispiel für historische Prägungen, die Teil des kollektiven Gedächtnisses sind, aber genauso für den Mut zur Weiterentwicklung, den es braucht, wenn Branchen und Städte sich verändern. Wofür wollen wir heute bekannt sein als Stadt? Sind wir Shopping-, Fußball- oder Gewerbestadt? Oder könnten wir auch Kreativ- oder Innovationsstadt sein? Braucht es überhaupt ein geschlossenes Label? Das sind am Ende offene Fragen, die wir gar nicht eindeutig beantworten wollen und können. Aber es lohnt sich sehr, gemeinsam darüber nachzudenken, welche Teile unserer DNA wir stark machen wollen und einen spannenden Zukunftshorizont aufmachen.

Ihr beschreibt blank spaces als Diskurs- und Erlebnisraum für neue Strukturen und Experimentierfelder. Was bedeutet das konkret – und wie unterscheidet sich euer Ansatz von klassischen Konferenzen oder Festivals?

Das hybride Format des blank spaces, mit der Kombination aus Konferenz- und Festivalprogramm, ist zwar kein klassisches, aber eines, das durchaus in verschiedenen Ausformungen zu finden ist. Beispielsweise haben große Kultur- und Musikfestivals mittlerweile oft auch einen Konferenzteil im Tagesbereich. Oder Konferenzen verlängern ihr Programm und bieten im Abendbereich Livemusik, Performances oder Partys an. Uns war wichtig, theoretischen Diskurs mit praktischem Erlebnis in einem gleichwertigen Verhältnis zu verbinden. Wenn wir über kreativen Impact auf Stadt und Gesellschaft sprechen, ist es ja nur naheliegend, das auch im selben Zuge erleben zu können. Beispielsweise sprechen wir in der Konferenz über die Chance von Kunst, Kultur und Medien für die Stärkung von Vielseitigkeit und Demokratie und schauen uns abends Filme an, die postmigrantische Perspektiven sichtbar machen, und lauschen einer BIPoC-Autorin, die über schwarzes weibliches Leben in Deutschland spricht. Dasselbe im Themenfeld der kulturellen Stadtentwicklung: Wir sprechen in der Tagschicht über das Potenzial kreativer Nutzung von Bestand und öffentlichem Raum und bespielen abends einen Leerstand mit einer Kunst-Ausstellung und Klangperformances und einen öffentlichen Platz mit einer Tanzparade und Livemusik auf einer Fahrradbühne. Diskurs und Erlebnis sollen Hand in Hand gehen, und es darf dabei experimentiert und ausprobiert werden.

In der Konferenz widmet ihr euch mit dem Themenstrang „Kultur- und Kreativwirtschaft“ Fragen der Wertschätzung, Absicherung und Unterstützung von Kreativakteur:innen. Welche Impulse hofft ihr, hier besonders stark in die Diskussion einzubringen?

Wir kennen es selbst und wissen aus vielen Gesprächen sowie der öffentlichen Debatte, wie es anderen Kreativen und Künstler:innen damit geht: Es ist ein herausfordernder Akt, sich permanent mit dem Wert der eigenen Arbeit zu befassen und diesen in der Welt zu vertreten. Sich ein Konstrukt aufzubauen, in dem man einigermaßen finanziell abgesichert leben kann und dennoch frei ist, zu kreieren und zu experimentieren. Die eigene Lage wirkt manchmal so zerbrechlich und unbeständig, dass es enorm viel Selbstvertrauen und Resilienz braucht, die Vision vom kreativen Schaffen weiterzuverfolgen. Es geht uns darum, ein Verständnis dafür zu entwickeln, dass Kreative nicht auf einer individuelle Heldenreise unterwegs sind, sondern ein riesiges, loses Kollektiv von Menschen sind, die alle von denselben Schmerzpunkten betroffen sind. Und da kommen wir in den Bereich des Strukturellen: Wie kann es sein, dass die soziale Lage unseres Sektors immer noch so prekär ist, obwohl Kultur und Kreativwirtschaft als so wichtig und wertvoll erachtet werden? Da klafft eine Lücke, die wir uns gemeinsam anschauen wollen, zum Beispiel auf dem Panel „Know Hour Worth vs. Existential Crisis: Selbstwert, Honorarsetzung & die soziale Lage der KKW“.

Unter dem Motto „Die lebenswerte Stadt“ fragt ihr: Wie können wir Städte kreativer, gerechter und nachhaltiger gestalten? Welche Rolle schreibt ihr der Kultur- und Kreativwirtschaft in diesem Prozess zu? Gibt es Vorbildprojekte, die euch inspirieren?

Wichtige Indikatoren von lebenswerten Städten – neben gleichsam wichtigen wie Gesundheit, Mobilität, Grünflächen, Bildung und Sicherheit – sind die der kulturellen und sozialen Teilhabe. Damit das möglich wird, braucht es Räume, in denen Teilhabe, Vielfalt und Innovation gelebt werden kann. Die Kultur- und Kreativwirtschaft spielt dabei aus unserer Sicht eine Schlüsselrolle: Sie eröffnet Perspektiven und schafft neue Ideen, verbindet Menschen und treibt soziale wie ökologische Transformationen voran. Es gibt viele engagierte Akteur:innen, die in unserer Stadt bereits sehr wirksam in dieser Hinsicht sind. Aber die Erfahrungen anderer Städte zeigen, wie man aktive und zukünftige Akteur:innen strukturell noch besser unterstützen kann, damit sich ihre Wirkungskraft nachhaltig in der Stadt entfalten kann. Städte wie Regensburg, Mannheim und Bremen sind da schon sehr weit, und wir freuen uns, Gäste aus diesen Städten – z.B. aus Kreativbehörden und Kompetenzclustern – auf der Konferenz zu begrüßen, die uns von ihrer Erfahrung und Haltung erzählen werden.

Wenn ihr nach vorne schaut: Was wünscht ihr euch, dass von blank spaces 2025 über die zwei Festivaltage hinaus bleibt – für Mönchengladbach, für NRW und vielleicht auch für die bundesweite Diskussion um Stadt und Kreativität?

Es wäre toll, wenn das blank spaces einen Vernetzungsknotenpunkt bildet, aus dem wir in der Zukunft schöpfen können. Weil sich Akteur:innen aus Praxis, Wissenschaft, Verwaltung, Wirtschaft und Politik – aus MG, der Region und darüber hinaus – kennengelernt und vernetzt haben, weil sich bei manchem ein größeres Verständnis für das Potenzial und den Impact von Kultur und Kreativwirtschaft gebildet hat und weil das die Chance eröffnet, in Zukunft mehr gemeinsame Sache zu machen. In je mehr Städten und auf je mehr Bühnen und Kanälen wir uns für die KKW stark machen, desto mehr stützen wir auch den bundesweiten Diskurs über die Relevanz von Kultur und Kreativwirtschaft. Und je mehr Ebenen wir gemeinsam durchdringen, desto eher schaffen wir es, mehr Wertschätzung und bessere Bedingungen für unsere Branche zu erwirken.

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