22. 4. 2026
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Kai Rosenstein
World Design Capital Frankfurt RheinMain 2026

Kai Rosenstein

Noch bis Dezember 2026 lädt die Region Frankfurt RheinMain als offizielle World Design Capital (WDC) 2026 dazu ein, das Thema Design in all seinen Facetten zu erleben. Kai Rosenstein ist Designer und seit 2024 im Team der WDC. Als Chief Experience Officer ist Rosenstein für die erfolgreiche Umsetzung der zentralen Eigenproduktionen innerhalb des Programms verantwortlich.

Foto: Ben Kuhlmann

Die World Design Capital 2026 steht unter dem Leitmotiv „Design for Democracy. Atmospheres for a better life“. Welche Vision steht dahinter, und wie übersetzen Sie dieses Verständnis von Design konkret in das Programm?

WDC 2026 ist kein Design-Festival im klassischen Sinn, sondern ein Auftrag: Wir begreifen Design als Haltung zur Teilhabe. Design prägt unser Zusammenleben, gestaltet Räume, Prozesse und Beziehungen und entwickelt innovative Lösungen für die zentralen Herausforderungen unserer Zeit. Unsere Vision ist die Verwandlung der Region in einen Ort der Selbstwirksamkeit, in dem wir gemeinsam „Atmospheres for a better life“ gestalten. Das Programm übersetzt dies in über 2.000 Events, bei denen man nicht nur zuschaut, sondern Teil einer sozialen Skulptur wird. Es geht darum, vom passiv Konsumierenden zum aktiv Mitgestaltenden der eigenen Zukunft zu werden.

„Design for Democracy“ klingt nach einem starken Versprechen in einer Zeit, in der demokratische Prozesse vielerorts unter Druck stehen. Kann Design diesem Anspruch wirklich gerecht werden?

Design will und kann Demokratie nicht ersetzen, aber es kann ihre Bedingungen im Alltag sichtbar und verhandelbar machen. Auf fundierten Methoden und interdisziplinärer Forschung basierend, entstehen im Designprozess Lösungen, die auf Analyse, Kontextbewusstsein und Nutzerfreundlichkeit setzen. Kriterien wie Nachhaltigkeit, Ressourcenschonung und Recyclingfähigkeit bestimmen das Handeln von Designer:innen. Ihre Aufgabe ist es, Ideen und Produkte zu gestalten, die unsere Gesellschaft zukunftsfähig machen. Ein Beispiel ist das Projekt der Demokratiekioske, die als niederschwellige Orte den Nachbarschaftsdialog fördern. Wir gestalten die Räume und Werkzeuge, in denen demokratische Aushandlung überhaupt erst stattfinden kann.

Mit rund 2.000 Projekten und Events ist das WDC-Programm vollgepackt. Ihr persönlicher Tipp: Warum sollten sich die NRWler:innen unbedingt auf den Weg ins Nachbarland machen?

NRWler sollten kommen, weil wir hier ein gemeinsames Reallabor der Transformation aufmachen – und weil es um die Ecke ist. Wir schauen mit großem Respekt auf Initiativen wie transform.nrw, die uns in Sachen Nachhaltigkeits-Literacy und transdisziplinären Plattformen oft einen Schritt voraus sind. Es ist die Chance zum gegenseitigen Lernen: Wie bringen wir kreative Exzellenz und industrielle Kraft so zusammen, dass echte Marktreife für eine zirkuläre Welt entsteht?

Dafür gibt es während der Open – Design Week Frankfurt RheinMain vom 5. bis 14. Juni reichlich Impulse, die auch aus der nachbarschaftlichen Perspektive interessant sind. Beispielsweise das Forward Festival Frankfurt, unser WDC-Hub im Museum Angewandte Kunst, der World Industrial Design Day und das Welterbefest auf der Mathildenhöhe in Darmstadt, um nur vier Highlights von über 100 Programmpunkten zu nennen. Und am 9. Juni 2026 hosten wir sogar einen gemeinsamen Workshop mit transform.nrw.

Welche Rolle spielen aus Ihrer Sicht Design und generell die Kultur- und Kreativwirtschaft für den gesellschaftlichen Wandel?

Design und die Kreativwirtschaft sind weit mehr als nur ein Wirtschaftszweig – sie sind das Betriebssystem der gesellschaftlichen Transformation. Bei genauer Betrachtung entdeckt man Design in allen Sektoren. Wir agieren als Übersetzer:innen, die abstrakte Ziele wie Ressourcengerechtigkeit oder demokratische Resilienz in greifbares Wirtschaften und erlebbare Alltagskultur verwandeln.

Im Zusammenspiel mit Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft fungiert Design als Schnittstelle: Wir machen Komplexität handhabbar und stärken die Handlungsfähigkeit. Ob im Straßenraum, in neuen Wohnformen oder digitalen Prozessen – es geht um die Gestaltung der „Interfaces“ unseres Miteinanders. Wenn wir zeigen, dass Veränderung kein theoretischer Verzicht, sondern ein Gewinn an Lebensqualität ist, entsteht genau jener Zukunftsmut, den wir brauchen. Die World Design Capital 2026 ist dabei der Katalysator, der diese kreativen Impulse in die breite Region vernetzt und beweist: Gestaltungskraft ist der entscheidende Rohstoff für eine resiliente, demokratische Zukunft.

Mit dem WDC Campus entsteht ein zentraler Ort für Austausch, Lernen und Experiment. Was passiert dort genau, und welchen Mehrwert bietet der Campus Gründer:innen und Start-ups aus der Kreativwirtschaft?

Der WDC Campus ist unser interdisziplinärer Maschinenraum. In der Region sind 250.000 Studierende an rund 40 internationalen Hochschulen tätig. In zehn Handlungsfeldern – von Future Mobility bis New Work – beteiligen sie sich am Programm. Das Herzstück sind die wöchentlichen Dialogwerkstätten, die Forschung, Industrie und Gesellschaft an einen Tisch bringen. Es ist ein geschützter Raum für Experimente, in dem junge Talente unter dem Motto „young talents at work“ beweisen, dass Design der entscheidende Rohstoff für eine resiliente Gesellschaft ist. Für Gründer:innen und Start‑ups aus der Kreativwirtschaft bietet der Campus konkrete Mehrwerte: Zugang zu jungen Talenten und Forschung, die Möglichkeit, eigene Projekte im WDC‑Hub und später in der großen Ausstellung im Museum Angewandte Kunst vom 3. bis 9. August 2026 sichtbar zu machen.

Woran würden Sie im Jahr 2027 konkret festmachen, dass die World Design Capital 2026 nachhaltig Wirkung hinterlassen hat?

Nachhaltigkeit bedeutet für mich, dass wir ab jetzt und über 2027 hinaus einen neuen Zukunftsmut entwickeln. Wir werden den Erfolg daran messen, dass ein breites Verständnis von Design in der regionalen DNA verankert ist – sei es durch einen aktiven Design-Action-Plan und die Fortsetzung der Open Design Week oder durch neue Strukturen wie eine Design Policy Unit oder den FRM Design Hub. Aber die wichtigste Wirkung ist das Gefühl bei den Menschen, dass Frankfurt RheinMain eine Region ist, die ihre Zukunft aktiv gestaltet, statt sie nur zu verwalten. Wenn ein Mindset des gemeinsamen Gestaltens einer erlebenswerten Zukunft bleibt, war die WDC ein Erfolg.

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