24. 11. 2025
creative.talk

Juliane Kronen
innatura

Dr. Juliane Kronen

Nach ihrem Studium der Betriebswirtschaftslehre an der Universität zu Köln mit anschließender Promotion arbeitete Dr. Juliane Kronen 16 Jahre lang bei der Boston Consulting Group, davon acht Jahre als Partnerin. Sie beriet global operierende Unternehmen und verantwortete zugleich die europäische „Women‘s Initiative“ sowie Social-Impact-Projekte. Seit 2011 ist Juliane Kronen Jurymitglied der Right Livelihood Award Foundation, die jährlich einen „Alternativen Nobelpreis“ verleiht. Zusammen mit ehemaligen Kollegen gründete Juliane Kronen 2011 mit innatura deutschlandweit die erste gemeinnützige Plattform, die sich die Vermittlung von fabrikneuen Produkten des täglichen Bedarfs an gemeinnützige Organisationen zur Aufgabe gemacht hat.

Foto: Martina Goyert

Frau Kronen, jedes Jahr landen in Deutschland neue Produkte im Wert von mindestens sieben Milliarden Euro ungenutzt im Müll – gleichzeitig fehlen vielen sozialen Einrichtungen genau diese Ressourcen. Was müsste sich grundsätzlich ändern, damit Unternehmen ihre nicht mehr verkäuflichen Waren spenden, statt sie zu vernichten?

Grundsätzlich gilt: Wir leben in einer Wirtschaftsordnung, in der wir jederzeit überall eine Auswahl an allem haben wollen. Da sich Konsumenten – zum Glück – nicht genau so verhalten, wie Unternehmen das planen, bleiben zwangsläufig Produkte übrig. Dieser negativen Kehrseite der Medaille gibt innatura wieder eine positive, indem wir diese überschüssigen Produkte bedarfsgerecht in den sozialen Sektor verteilen.
Damit immer mehr Unternehmen diese Produkte spenden statt zu entsorgen, sind drei Voraussetzungen notwendig: (1) Die Möglichkeit, Produkte sicher zu spenden und dabei die eigenen Marken zu schützen, muss bekannter sein. (2) Der Prozess, Sachspenden zu leisten und zu verbuchen, muss einfacher werden – für Geldspenden existiert ein einfacher Kernprozess, für Sachspenden muss ein spendenwilliges Unternehmen diesen oft erst entwickeln. Und (3) dürfen Unternehmen beim Spenden nicht durch die (immer noch) anfallende Umsatzsteuer bestraft werden; die Spende sollte finanziell zumindest mit der Entsorgung gleichgestellt werden. Noch besser wäre es sogar, diesen ressourcenschonenden Ansatz durch finanzielle Anreize sogar zu belohnen – wie es in anderen Ländern passiert.

Sie arbeiten mittlerweile mit 271 spendenden Unternehmen zusammen. Was hat diese Unternehmen zur Zusammenarbeit bewegt?

Tatsächlich vertrauen uns inzwischen 280 Unternehmen ihre Produkte zur bedarfsgerechten Vermittlung in den sozialen Sektor an. So können wir unseren gemeinnützigen Empfängerorganisationen ständig ca. 1.500 verschiedene Artikel aus unserem Lager liefern, die sie für den Betrieb der eigenen Einrichtung oder zur Versorgung der ihnen anvertrauten Menschen benötigen. Die nachgefragteste Warengruppe sind Produkte der Körperpflege, Hygieneartikel, Wasch- und Reinigungsmittel, die von Beiersdorf und Procter & Gamble, aber auch vielen kleineren Herstellern und Händlern gespendet werden. Aber auch Schreibwaren und Spielzeug (STAEDTLER, edding), Haushaltswaren (WMF), Werkzeuge (Bosch Power Tools) und ein breites Sortiment von amazon sind für unsere Empfängerorganisationen hochattraktiv.

Unsere Spenderunternehmen entscheiden sich – trotz der finanziellen Nachteile – aus vielfachen Gründen für die Spende: Sie wollen glaubhaft gesellschaftliches Engagement zeigen und wollen Verantwortung für ihre Ressourcen bis zum Ende übernehmen. Ihre Mitarbeitenden identifizieren sich mit ihren Produkten, vielen ist Nachhaltigkeit wichtig, und unsere Spenderunternehmen sprechen über ihre Aktivitäten, um als Arbeitgeber glaubwürdig und attraktiv zu sein. Und die Zusammenarbeit mit innatura zahlt auf die Nachhaltigkeitsziele ein, obwohl das ESG-Reporting in Brüssel aktuell aufgeweicht wurde. Nicht zuletzt macht die professionelle Zusammenarbeit mit innatura die Entscheidung, uns Produkte anzuvertrauen, leicht. innatura betreibt aktiv Markenschutz und schafft bei der Verteilung der Produkte maximale Transparenz, d.h. die Spender können sich darauf verlassen, dass ihre Produkte ausschließlich im gemeinnützigen Bereich verwendet werden und nicht etwa auf den Schwarzmarkt gelangen.

Für die creative.challenges haben Sie die Aufgabenstellung eingebracht, wie noch mehr Unternehmen gewonnen werden können, ihre nicht mehr verkaufsfähigen Produkte zu spenden. Was erhoffen Sie sich von der Arbeit der Kreativ-Teams, was Ihnen vielleicht bisher nicht gelungen ist?

Selbstverständlich sprechen wir immer wieder Unternehmen, die von unserer Klientel dringend benötigte Produkte herstellen oder handeln, an – wir wissen, dass unsere Charitys die zehnfache Menge dessen, was wir liefern können, benötigen.

Wir wollen für den Zeitpunkt vorbereitet sein, wenn die Umsatzsteuer auf Sachspenden fällt. Diese Befreiung steht als Versprechen im Koalitionsvertrag. Wir erhoffen uns aus der Challenge eine Lösung, wie wir noch mehr Unternehmen für Produktspenden gewinnen können – idealerweise Kernbotschaften oder Eckpfeiler einer Kampagne, die zum einen viele Entscheidungsträger:innen erreicht und unsere vielen „trockenen“ Argumente prägnant zusammenfasst oder – und das ist ja der Grund, Externen einen solchen Prozess anzuvertrauen – gar aus der Außenperspektive ein wichtiges Argument, einen glaubwürdigen Appell identifiziert, auf den wir noch nicht gekommen sind. Wir sind in unserer Spenderkommunikation sehr rational unterwegs, trotz aller Emotionalität hinsichtlich des sozialen Nutzens, den wir jeden Tag stiften – schließlich realisieren unsere Empfängerorganisationen hohe Einsparungen durch den Bezug von Produkten über innatura, die sie zur Absicherung oder gar Ausweitung ihrer sozialen Arbeit nutzen können. Daher freuen wir uns über kreative Ideen, die spritziger oder emotionaler und einfach „griffiger“ sind und dauerhaft wirken können.

Die Kultur- und Kreativwirtschaft gilt als starke Impulsgeberin für gesellschaftlichen und ökonomischen Wandel. Wo sehen Sie ganz konkret das Potenzial von Kreativschaffenden, um das Thema Nachhaltigkeit stärker ins Bewusstsein von Unternehmen und Öffentlichkeit zu bringen und damit Social Impact zu verstärken?

Kreative sind spannende Köpfe, die durch immer wechselnde Fragestellungen in unterschiedlichsten Kontexten gelernt haben, eine eigene Perspektive auf Fragestellungen zu entwickeln und gängige Denkmuster zu hinterfragen. Sie sind in der Lage, eine große Bandbreite fachlicher und methodischer Ansätze auf eine Challenge anzuwenden, die der „klassisch“ ausgebildeten Führungskraft (BWL, Jura) nicht vertraut sind, und können so Lösungen entwickeln, die wirklich „out of the box“ sind. Sie bringen völlig neue Perspektiven, Zielgruppen wirklich zu verstehen. Sie übertragen furchtlos Lösungsansätze aus völlig anderen Anwendungsfeldern und entwickeln diese weiter. Und sie können die vielen Dimensionen von Nachhaltigkeit abschichten und das Thema klar formuliert und positioniert, aber skalierbar in die Breite kommunizieren. Ich freue mich sehr auf die kreativen Teams! Eine erfolgreiche Lösung bedeutet, noch mehr Unternehmen zu überzeugen, Produkte zu spenden statt zu entsorgen, und noch höheren sozialen Nutzen zu stiften.

Sie haben eine lange Karriere in der Unternehmensberatung hinter sich und sich dann bewusst für den Aufbau eines Sozialunternehmens entschieden. Was hat Sie persönlich dazu motiviert – und was treibt Sie heute an?

Die Initialzündung für die Gründung von innatura waren 200.000 Flaschen fehletikettiertes Shampoo, die mir ein ehemaliger Kollege aufgrund meiner Kontakte in den sozialen Sektor angeboten hatte. Zwei Bedingungen: Die Ware musste innerhalb von zwei Tagen vom Hof, und ich musste versprechen, dass sie nicht auf dem Schwarzmarkt landet. Keine mir bekannte Charity wollte zwei Sattelschlepper Shampoo auf einmal haben – so wurde das Shampoo entsorgt. In einem Projekt bei BCG haben wir dann abgeschätzt, wie groß das Potenzial ist, wenn spendenwillige Unternehmen und Charitys zusammenkommen können. Als wir die Größenordnung kannten, mit In Kind Direct in Großbritannien ein bereits existierendes funktionierendes Beispiel für die Vermittlung gefunden hatten und dessen Gründer, der damalige Prince of Wales, der immer schon glaubhaft für das Thema Nachhaltigkeit stand, angeboten hatte, die Schirmherrschaft für eine Implementierung des Modells in Deutschland zu übernehmen, konnte ich das Thema Konsumgüterverschwendung nicht mehr ignorieren. Das Wissen um die vielen Produkte, die jeden Tag entsorgt werden, obwohl sie dringend im sozialen Sektor benötigt werden, konnte ich nicht mehr ungewusst machen. Ich habe mich entschieden, meinen wunderbaren Beruf als Beraterin zu verlassen und zu gründen – nicht, weil ich unbedingt gründen wollte, aber weil ich die Lösung des Problems realisieren wollte. Mich treibt jeden Tag an, immer mehr Produkte von den Abfallhalden in den sozialen Sektor umzulenken und das Spenden überflüssiger Produkte zur neuen Norm zu machen. Und natürlich gibt mir der Einsatz für die Verbesserung der steuerlichen Behandlung von Sachspenden jeden Tag neue Energie.

innatura arbeitet bundesweit, aber das Problem der Warenvernichtung ist global. Wie gehen andere Länder damit um? Gibt es Best Practices?

Im In Kind Direct International Network arbeiten wir mit anderen produktverteilenden Charitys in Großbritannien, Frankreich und bald auch Italien unter der Schirmherrschaft des britischen Königs zusammen, und wir haben Kontakte zu vergleichbaren Organisationen in sonstigen Ländern. Im angelsächsischen Bereich erhalten Unternehmen für Sachspenden Steuergutschriften, statt zusätzliche Steuern zahlen zu müssen, werden finanziell also für die Entscheidung zu spenden belohnt; Frankreich hat als erstes Land die Vernichtung auch von Non-Food verboten, sodass Unternehmen dort Übermengen zwingend spenden müssen. Übrigens zeigte sich dort, dass nach einem kurzzeitigen Anstieg der Spendenvolumina Unternehmen doch noch besser planen können und so die Übermengen reduziert werden. Ein Beispiel für einen Markteingriff, der die Ressourcennutzung optimiert – und die EU arbeitet an einem vergleichbaren Gesetz für alle Mitgliedsländer. Bislang galt in den meisten EU-Ländern jedoch eine der deutschen Besteuerung vergleichbare Regel: Spenderunternehmen müssen auf den Entnahmewert der Spenden aus dem Betriebsvermögen Umsatzsteuer abführen. Erst jüngst hat die EU-Kommission ausdrücklich erlaubt, auf „gesellschaftlich wünschenswerte Transaktionen“ einen Umsatzsteuersatz von Null Prozent anzuwenden, bestätigt die Anwendung für Sachspenden und ermuntert ihre Mitgliedsländer ausdrücklich, diese Regelung anzuwenden. Damit weist die Kommission EU-weit den Weg zur Beseitigung der steuerlichen Nachteile von Sachspenden – ein wichtiger Impuls, um Sachspenden zum neuen Normal zu machen.

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