25. 3. 2025
creative.talk

Jacob Sylvester Bilabel
Green Culture Anlaufstelle

Jacob Bilabel

Seit 2023 leitet Jacob Sylvester Bilabel den Aufbau der zentralen Green Culture Anlaufstelle des Bundes in Deutschland. Im Sommer 2020 startete er das Aktionsnetzwerk Nachhaltigkeit in Kultur und Medien, gefördert durch die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien. Das Netzwerk wuchs seitdem auf über 50 der wichtigsten kulturellen Institutionen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Er war zudem an der Entwicklung des bundeseinheitlichen kulturspezifischen Klimabilanzierungsstandards KBK & KBK+ beteiligt.

Foto: G. Evans

Du hast vor über 15 Jahren begonnen, dich dem Klimaschutz zu widmen und dich zunächst auf die Popmusik und schließlich, mit Gründung des Aktionsnetzwerks, auf die Bereiche Kultur und Medien fokussiert. Welche Rolle spielen Kultur und Medien deiner Meinung nach bei der ökologischen Transformation von Wirtschaft und Gesellschaft?

Als ich vor 15 Jahren angefangen habe, mich mit dem Thema in Kunst, Kultur und Medien auseinanderzusetzen, hat mich eine Sache wirklich getrieben, und das waren die Menschen. Ich habe immer gern mit Menschen in der Kultur zusammengearbeitet. Zugleich war da diese Herausforderung der Nachhaltigkeit, die ja die größte gesamtgesellschaftliche Aufgabe ist, die wir in den nächsten 50 Jahren gemeinsam vor der Brust haben. Meine Hoffnung war, diese beiden Welten miteinander zu verbinden. Auf der einen Seite die Welt der Kultur, in der es darum geht, kreativ aus dem Vollen zu schöpfen, auf der anderen Seite die Welt der Nachhaltigkeit, wo man zuerst meist an Verzicht, Verbot und Verlust denkt. Wenn es uns gelingt, diese beiden Welten zusammenzubringen, dann entsteht das, was ich mir immer gewünscht habe, dass Nachhaltigkeit eben nicht das Weniger ist, sondern dass Mehr von etwas Besserem. Das ist eine der ganz großen Fähigkeiten von Kultur, einen gemeinsamen Traum von einer besseren Welt immer wieder erlebbar zu machen.

Welche Rolle spielen für dich, abseits der Kultur und der Kulturinstitutionen, die Kreativschaffenden selbst, also die einer kreativen Tätigkeit im Sinne der Kreativwirtschaft nachgehen, bei der Transformation?

Beim German Creative Economy Summit ist mir eine Sache klar geworden: Es gibt keinen echten Unterschied zwischen Kultur und Kreativwirtschaft. Man hat irgendwann mal eine Grenze gezogen zwischen Menschen, die erst einmal etwas produzieren, was einen hohen Anteil von Kreativität braucht. Ich glaube, dass genau da auch eine spannende Schnittstelle zu gesamtgesellschaftlichen Prozessen entsteht. Ob es jetzt die Kultur oder die Kreativwirtschaft ist: Es geht genau darum, Alternativen zu entwickeln und zu erproben, diese Erprobung auch zu evaluieren und sich immer wieder zu fragen, sind wir jetzt auf dem richtigen Weg? Das ist ja der Kern des kreativen Prozesses. Jemand, der es als lustvoll empfindet, kreativ tätig zu sein, ob er jetzt in der Kreativwirtschaft ist oder in der Kultur, der wird immer wieder Momente suchen, wo er sich selbst hinterfragt und neue Dinge ausprobiert, aber auch alte Dinge beendet.

Mit der Green Culture Anlaufstelle unterstützt ihr Kultur- und Medienschaffende auf ihrem Weg zu mehr Klimaschutz und Zukunftsfähigkeit. Welche konkreten Angebote und Unterstützungsmöglichkeiten bietet ihr?

In Deutschland gibt es ungefähr 20.000 Kulturinstitutionen, die in den nächsten 20 Jahren in der ein oder anderen Art klimaneutral werden sollen. Unser Ziel ist, die Menschen in diesen Institutionen dabei zu unterstützen, mit den Herausforderungen der Zukunft umzugehen. Dabei haben wir einen starken Fokus auf das Thema Betriebsökologie und bieten unter anderem Erstberatung an. Institutionen oder Einzelmenschen in der Kultur werden dabei unterstützt, die ersten Schritte koordiniert zu machen, Kompetenzen und Kapazitäten aufzubauen. Dann gibt es vertiefende Angebote der Anlaufstelle zu Themen wie Energieeffizienz, Kreislaufwirtschaft, Berichtspflichten oder Förderprogramme.

Neben den Beratungsangeboten ist eine weitere Aufgabe der Anlaufstelle, Standards zu etablieren, die es Menschen in der Kultur einfacher machen, mit diesen Herausforderungen umzugehen. Standards und Prozesse sind genau das, was du brauchst, wenn du von dem ersten Moment des Aktiviert-seins ins Handeln kommen willst. Zum Beispiel haben wir einen bundeseinheitlichen Klimabilanzierungsrechner für die Kultur entwickelt: Der CO2-Kulturstandard „KlimaBilanzKultur“ ist von der deutschen Kultusministerkonferenz verabschiedet worden und steht kostenlos zur Verfügung.

Im Rahmen der c/op pop Convention veranstaltet ihr am 24. April 2025 den „4D Future Mapping Workshop“. Dabei entwickeln Akteur:innen aus Kultur- und Kreativwirtschaft, Wissenschaft und Wirtschaft Zukunftsmodelle für eine nachhaltige Kultur. Was macht diesen Ansatz besonders?

Wir haben im letzten Jahr mit unseren Vermittlungsangeboten und Workshops weit über 1.500 Menschen erreicht, haben aber gemerkt, dass manchmal eine gewisse Anfassbarkeit gefehlt hat. Deswegen haben wir ein Format entwickelt, wo wir mit unseren Händen arbeiten. Im 4D Future Mapping Workshop geht es darum, dass Gruppen mit ihren eigenen Händen eine wünschenswerte Version der Zukunft bauen.

Der Workshop basiert auf ganz vielen unterschiedlichen Techniken, z.B. aus der Organisationsentwicklung, aus der Familienaufstellung, auch ein bisschen Bodywork ist da drin. Im Kern basiert er auf den Arbeiten von Otto Schamer, einem Professor am MIT in Massachusetts, der einen aus meiner Sicht sehr wirksamen Prozess entwickelt hat: Theorie U. Der dauert eigentlich neun Monate, und ich habe ihn zu einem 4-Stunden-Workshop eingedampft. Es ist ein wirklich in jeder Dimension überwältigendes Erlebnis. Du arbeitest mit den Händen, es gibt Musik, du machst etwas körperlich und es ist ein echtes Gruppenerlebnis. Wir haben versucht, einen Workshop zu bauen, in dem ganz wenig geredet und ganz viel getan wird. Die Menschen, die diesen Workshop gemacht haben, sind sehr inspiriert da rausgegangen.

Um die aktive Mitgestaltung geht es auch beim Green Culture Festival im Juni in Essen. Leitthema ist der „Handabdruck“, der im Gegensatz zum negativen ökologischen Fußabdruck steht. Was hat es damit genau auf sich? Braucht es in der heutigen Zeit eine neue Erzählung?

Wir haben uns in den letzten Jahren sehr viel um den CO2-Fußabdruck gekümmert und darüber aufgeklärt. Wir haben alle verstanden, der muss runtergehen: weniger CO2, weniger Emissionen, weniger Strom und weniger Ressourcen, und das macht natürlich was mit uns Menschen. Auf der anderen Seite haben wir uns gefragt: Was ist eigentlich das, was wir uns an Mehr gönnen? Maja Göpel beschreibt das immer so schön: Wir werden die Welt nicht retten dadurch, dass wir weniger vom Schlechten machen. Wir müssen auch ein gemeinsames Verständnis davon haben, was wir erreichen wollen.

Der Handabdruck ist ein Konzept, das gar nicht so klar definiert ist. Ich habe im Jahr 2009 zum ersten Mal davon gehört und war begeistert, weil es endlich etwas gab, das für mich als Gegengewicht zu diesem Weniger und Weniger funktioniert hat. Der Handabdruck ist nicht die positive Wirkung von Kultur, sondern es ist ein Verständnis darüber, wo Kultur Wirkung entfaltet. Die Wirkung ist erst einmal neutral.

Beim Green Culture Festival werden wir uns zwei Tage darüber verständigen, was der Handabdruck von Kultur sein könnte. Was ist die Wirkung von Kultur, was sind die Schnittstellen von Kultur zu gesamtgesellschaftlichen Prozessen? Dafür laden wir uns ganz viele Leute ein, die genau an dieser Frage arbeiten. Und über all dem steht die Frage „Wer wollen wir gewesen sein?“

Und zu deiner Frage: Ja, wir brauchen neue Erzählungen. Wir müssen aber vorsichtig sein, dass wir nicht die Ökonomie der Aufmerksamkeit zu sehr befüttern. Sondern wir brauchen eine Ökonomie der Wirksamkeit. Wir brauchen nicht nur neue Erzählungen, wir brauchen neue Erfahrungen. Und da kommt die Selbstwirksamkeit ins Spiel. Das Festival wird zwei Tage lang eine Selbstwirksamkeitserfahrung des eigenen Handabdrucks ermöglichen.

Beim German Creative Economy Summit in Hamburg hast du betont, dass neben allem Streben nach Innovation der Mut zu Exnovation mindestens genauso wichtig ist. Warum ist das so und was genau bedeutet das?

Als allererstes gilt es festzuhalten, dass der Begriff Exnovation ein echter Begriff ist, nichts, was ich mir ausgedacht habe. Die Innovation kennen wir alle. Das Neue, das fühlt sich immer gut an. Diese Idee von Wachstum, von Fortschritt basiert ja auf dem immer wieder Verbessern. Dass zu diesem Verbessern aber auch das Trennen von Altem, von Überkommenem, von nicht mehr Nützlichem gehört, das vergessen wir oft. Deswegen würde ich mir manchmal wünschen, dass wir auch in Kunst, Kultur und Kreativwirtschaft eine Kultur des Palliativen entwickeln. Eine Kultur, die uns gemeinsam Abschied nehmen lässt von Liebgewonnenem und dadurch Platz für das Neue schafft. Wenn wir das nicht tun und diesen Prozess nicht fokussiert, strategisch und gemeinsam adressieren, passiert dieses Chaos, das wir gerade in Amerika und in Teilen der Gesellschaft beobachten.

Vor dem Hintergrund der jüngsten politischen Entwicklungen, bei denen das Thema Nachhaltigkeit in den Hintergrund gerückt ist: Woher nimmst du deinen Optimismus? Und was kannst du Kreativschaffenden mitgeben, die überfordert vor den großen Herausforderungen unserer Zeit stehen?

Das Gefühl von Überforderung stellt sich in der Regel dann ein, wenn du deine Handlungsoptionen subjektiv als stark eingeschränkt empfindest. Wenn du zugleich eine überbordende Anzahl von Fragen empfindest und parallel eine absolut geringe Zahl von Reaktionsmöglichkeiten. Deshalb rate ich dazu, als Erstes zu realisieren: Wo habe ich reale Handlungsoptionen? Will ich neben der Überforderung etwas anderes haben? Leider gibt es ganz oft eine Überschätzung der eigenen Verantwortlichkeit und eine Unterschätzung der eigenen Handlungsoptionen.

Wir Menschen sind durchaus zu komplexen Reaktionen fähig, die sich auch manchmal zu widersprechen scheinen. Ich habe einen Pessimismus des Intellekts. Je mehr ich weiß, desto schwieriger scheint es zu werden. Und ich habe einen Optimismus des Willens. Ich kann beides ertragen. Du kannst dich bewusst für Optimismus entscheiden, ohne den Pessimismus zu negieren. Du kannst Innovation machen, wenn du Exnovation machst. Du kannst Handabdruck machen, wenn du den Fußabdruck verstanden hast. So funktioniert die Welt: eben nicht „entweder oder“, sondern „sowohl als auch“.

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