20. 5. 2025
creative.talk

Frank Zumbruch
machwerkhaus köln – Zentrum für Design und Urbane Produktion

Portrait von Frank Zumbruch

Frank Zumbruch ist Geschäftsführer und Kurator des machwerkhaus köln – Zentrum für Design und Urbane Produktion. Bevor er mit Claus Fischer die machwerkstadt GmbH gründete, um Zentren für urbane Produktion an den Schnittstellen von Kreativwirtschaft, Handwerk, Technologie und Handel zu entwickeln und miteinander zu vernetzen, förderte Frank Zumbruch die Kultur- und Kreativwirtschaft in den Städten Heidelberg und Mannheim und coachte ausgezeichnete kreative Unternehmer:innen in ganz Deutschland. Zumbruch lehrt seit 2015 u.a. als Gastdozent zu Innovation & Existenzgründung, Designwirtschaft und Nachhaltigkeit an der Popakademie Baden-Württemberg.

Frank ist Mitglied der Jury für die creative.projects 2025.

Frank, du warst in diesem Jahr Mitglied der Jury für unseren Wettbewerb creative.projects. Welche Themen oder Trends hast du bei den eingereichten Projekten besonders wahrgenommen?

Alle Geschäftsmodelle, die es in die Vorauswahl geschafft hatten, verbindet vor allem eine bewusste Wirkungsorientierung hin zur Erfüllung der 17 Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen. Das liegt zum einen an der gezielten Ausrichtung des Wettbewerbs, diese ermutigende Entwicklung zeichnet sich jedoch schon seit einigen Jahren bei Existenzgründungen in der Kultur- und Kreativwirtschaft ab – zumindest kann ich das in Deutschland und weiten Teilen Europas beobachten. Immer mehr kreative Unternehmer:innen wollen offensichtlich einen relevanten Beitrag zur Transformation leisten.

Was macht für dich ein wirklich überzeugendes kreatives Projekt aus, das sowohl Nachhaltigkeit ernst nimmt als auch neue, cross-innovative Verbindungen zwischen Branchen schafft?

Ein wirklich überzeugendes kreatives Projekt im Sinne nachhaltiger Transformation zeichnet sich für mich dadurch aus, dass es über bloße Effizienzsteigerung hinausgeht und grundlegende Veränderungen im Denken und Handeln anstößt. Es nimmt Nachhaltigkeit ernst, indem es das Paradigma des grenzenlosen quantitativen Wachstums hinterfragt und stattdessen auf langfristige Lebensqualität für heutige und kommende Generationen zielt.
Besonders wirkungsvoll sind Projekte, die Kreativität und Innovationskraft nutzen, um konkrete Lösungen für gesellschaftliche, ökologische und wirtschaftliche Herausforderungen zu entwickeln. Dabei sind es oft nicht die großen Würfe, sondern die vielen kleinen, gut durchdachten Veränderungen, die echte Wirkung entfalten.
Was solche Projekte wirklich stark macht, ist ihre Fähigkeit, unterschiedliche Perspektiven und Disziplinen miteinander zu verbinden. Wenn kulturelle und kreativwirtschaftliche Akteur:innen mit anderen Branchen zusammenarbeiten – transdisziplinär, generationenübergreifend und interkulturell – und dabei Bewährtes mit mutigen neuen Ansätzen kombinieren, entsteht das Potenzial für tiefgreifende, zukunftsfähige Innovation.

Die creative.projects-Preisverleihung findet am 2. Juni 2025 im machwerkhaus köln statt, das du Anfang 2024 als Zentrum für Design und urbane Produktion mitgegründet hast. Was ist eure Vision für diesen Ort? Und was bietet er für Kreativschaffende aus Köln und NRW?

Das machwerkhaus köln will das sich dynamisch entwickelnde Kreativquartier Kalk um einen starken Impulsgeber für nachhaltige Stadtentwicklung ergänzen: als offener Ort, an dem Innovation interdisziplinär entsteht, traditionelles Handwerk sichtbar bleibt, kreative Geschäftsmodelle wachsen und lokale Produktion mit stationärem wie digitalem Handel verknüpft wird – lebendig, zugänglich und erlebbar für die Stadtgesellschaft, die Kölner Kreativszene und designaffine Besucher:innen aus dem In- und Ausland.
Auf rund 20.000 Quadratmetern finden Manufakturen, Handwerksbetriebe, wirkungsorientierte Start-ups, Prototypenbauer, Designbüros und Unternehmen der Kreislaufwirtschaft Raum zur Entwicklung, Fertigung, Präsentation und zum Vertrieb ihrer Produkte. Regelmäßige Veranstaltungen, Austauschformate und individuelle Beratung unterstützen sie dabei, ihre Ideen weiterzuentwickeln und tragfähige Geschäftsmodelle zu gestalten. Als Kuratorenteam begleiten wir diesen Prozess aktiv – mit Know-how, Netzwerk und Haltung.

Das machwerkhaus befindet sich im Kölner Stadtteil Kalk, einem ehemaligen Arbeiterviertel, das von einer der höchsten Arbeitslosenquoten sowie einem hohen Anteil an migrantischer Bevölkerung geprägt ist. Wie fügt sich ein Kreativzentrum in einen solchen Stadtteil ein?

Gerade in einem Stadtteil wie Kalk kann ein Kreativzentrum wie das machwerkhaus eine besondere gesellschaftliche Relevanz entfalten. Ziel ist es nicht, einen abgeschotteten Kreativraum für wenige zu schaffen, sondern einen offenen, zugänglichen Ort, der die Potenziale des Viertels aufgreift, fördert und sichtbar macht.
Das machwerkhaus versteht sich als Ort der Teilhabe und des Austauschs – nicht nur für Kreativschaffende, sondern auch für lokale Handwerksbetriebe, migrantisch geprägte Unternehmen, Nachbarschaftsinitiativen und engagierte Bürger:innen. Indem hier Raum für Produktion, Weiterbildung, Unternehmertum und kulturelle Aktivitäten geschaffen wird, können neue berufliche und soziale Perspektiven entstehen – insbesondere auch für Menschen, die bislang wenig Zugang zu kreativen oder wirtschaftlichen Ressourcen hatten.
Zudem soll das machwerkhaus als Brücke zwischen lokalen und internationalen Netzwerken fungieren – und so zeigen, dass Kreativität kein Privileg ist, sondern eine Ressource, die in vielen Formen und Herkünften vorhanden ist.
Mit gezielten Kooperationsangeboten, Community-Projekten und niedrigschwelligen Veranstaltungsformaten wird das machwerkhaus aktiv daran arbeiten, kein Gentrifizierungsmotor, sondern ein Motor inklusiver, sozial gerechter Stadtentwicklung zu sein.

Du bist seit vielen Jahren an der Schnittstelle von Kreativwirtschaft, Stadtentwicklung und Innovation aktiv. Welche Rolle sollte die Kultur- und Kreativwirtschaft deiner Meinung nach heute in der Stadtentwicklung spielen? Gibt es Projekte, die für dich Vorreiter sind oder dich bei deiner Arbeit für das machwerkhaus inspirieren?

Die Kultur- und Kreativwirtschaft sollte heute eine aktive Mitgestalterin urbaner Transformationsprozesse sein – nicht nur als wirtschaftlicher Faktor, sondern vor allem als Impulsgeberin für gesellschaftliche Innovation, Teilhabe und Nachhaltigkeit.
In Zeiten ökologischer, sozialer und technologischer Umbrüche braucht Stadtentwicklung mehr als klassische Planung: Sie braucht Orte des Austauschs, der Produktion und des Experiments. Die Kultur- und Kreativwirtschaft bringt hier besondere Qualitäten mit – etwa interdisziplinäres Arbeiten, exploratives Denken und die Fähigkeit, komplexe Themen gestalterisch und narrativ zu vermitteln.
Diese Potenziale habe ich in meiner Zeit als Kreativwirtschaftsförderer in Heidelberg und Mannheim unmittelbar erleben und mitgestalten dürfen. Formate und Orte wie die Breidenbach Studios oder das Dezernat 16 in Heidelberg sowie das C-HUB, die Textilerei oder das Alte Volksbad in Mannheim haben eindrucksvoll gezeigt, wie kreativwirtschaftliche Akteur:innen nicht nur Räume beleben, sondern soziale Innovationen, neue Geschäftsmodelle und lebendige Nachbarschaften entstehen lassen.
Solche Orte sind keine abgeschotteten Kreativinseln, sondern Knotenpunkte urbaner Zukunftsgestaltung – offen für Kooperationen zwischen Design, Handwerk, Technologie, Stadtgesellschaft und Verwaltung.
Das machwerkhaus köln ist inspiriert von diesen Erfahrungen und will sie weiterdenken: als Plattform für nachhaltige, inklusive und produktive Stadtentwicklung, die Kreativität als verbindende Ressource versteht – zwischen Menschen, Disziplinen und Perspektiven.

Du lehrst auch zu Innovation, Designwirtschaft und Gründung. Was sollten junge Kreative heute besonders im Blick haben, wenn sie sich selbstständig machen oder eigene Projekte aufbauen wollen?

Dass es heute wichtiger denn je ist, seine Geschäftsidee konsequent an den SDGs der Vereinten Nationen auszurichten. Ein Geschäftsmodell, das keinen messbaren Beitrag zu sozialer, ökologischer oder wirtschaftlicher Nachhaltigkeit leistet, wird auf Dauer kaum Erfolg haben.
Gleichzeitig ist Authentizität ein entscheidender Erfolgsfaktor. Unternehmer:innen sollten ihre Werte klar leben und kommunizieren, denn nur so entstehen Vertrauen und eine echte Verbindung zu den Menschen, für die sie Produkte und Dienstleistungen entwickeln und vermarkten.
Ein weiterer Schlüssel zum Erfolg ist nach meinen Erfahrungen ein ausgewogenes Gründer:innen-Team. Nach dem Modell von Ray Inamoto sollte das Team idealtypisch verschiedene Kompetenzen abdecken – von kreativen und technischen Fähigkeiten über wirtschaftliches Know-how bis hin zu sozialer Intelligenz und Führungsstärke. So lassen sich komplexe Herausforderungen optimal meistern und nachhaltige Geschäftsmodelle bestmöglich entwickeln.

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