26. 8. 2026
creative.talk

Dr. Carsten Gerhardt
Circular Valley

Carsten Gerhardt

Dr. Carsten Gerhardt ist theoretischer Festkörperphysiker, Anglist und Betriebswirtschaftler. Als Unternehmensberater bei EY ist er in den unterschiedlichsten Industrien mit Schwerpunkt Nachhaltigkeit tätig. Gerhardt ist Vorsitzender der Wuppertalbewegung e.V., dem Initiator der Nordbahntrasse. Seit 2020 engagiert er sich für die Positionierung der Grenzregion zwischen Deutschland, Belgien und den Niederlanden (NRW/Flandern/Niederlande) als Circular Valley – eine Region, in der global führende Lösungen für die Zirkuläre Wertschöpfung entwickelt werden. Im Rahmen der Online-Konferenz der Circular Week 2026 am 27. Oktober 2026 veranstalten Circular Valley und creative.nrw eine gemeinsame Session – alle Details hierzu werden bald bekanntgegeben. Registrierungen sind schon jetzt hier möglich.

Circular Valley bringt Unternehmen, Start-ups, Wissenschaft und Politik zusammen, um die Transformation hin zu einer Circular Economy voranzutreiben. Warum braucht es heute eine solche Plattform?

Weil es eine solche Plattform bisher nicht gibt, die Region Nordrhein-Westfalen, Niederlande und Flandern aber herausragende Akteure in den Bereichen bietet. Keine andere Region weltweit hat eine ähnliche Akteurskonstellation. Daher haben wir Circular Valley geschaffen.

Wenn über Kreislaufwirtschaft gesprochen wird, geht es oft um Recycling oder Ressourceneffizienz. Dabei wird die Kreislauffähigkeit eines Produkts oder einer Dienstleistung bereits durch seine oder ihre Gestaltung beeinflusst. Wird die Kreativwirtschaft, und hier insbesondere die Designbranche, in diesem Prozess bislang ausreichend einbezogen? 

In der Kreislaufwirtschaft, wie sie in Deutschland „gelernt“ ist, geht es in der Tat viel um Recycling oder Ressourceneffizienz. Das hat sich historisch so entwickelt. In der Circular Economy bieten die R-Strategien eine Orientierung, an welchen Stellen angesetzt werden kann: Wie man Produkte grundsätzlich anders herstellen kann – oder ggfs. auch ganz darauf verzichten –, durch welche Maßnahmen man ihre Lebensdauer verlängern kann, und wie man sie schließlich am Lebensende recyclen oder anderweitig weiterverwenden kann. Das Design spielt dabei eine absolut zentrale Rolle, ist aber noch zu wenig eingebunden. Das liegt auch daran, dass Design in der Vergangenheit zu stark auf Optik fokussiert war und vielfach kontraproduktiv zu den Zielen einer Circular Economy gewirkt hat – so zum Beispiel die unzähligen auch in ihrer Form unterschiedlich gestalteten Mehrwegpfandflaschen bei Bieren, die das ursprüngliche Pfandsystem mit einer Flasche, die von jeder Brauerei eingesetzt werden konnte, ad absurdum geführt haben.

Wir bei creative.nrw glauben an die Kraft von Cross Innovation: Wenn Kreativschaffende mit Unternehmen aus anderen Branchen zusammenarbeiten, entstehen neue Perspektiven und Lösungsansätze. Auch Circular Valley bringt unterschiedliche Akteur:innen zusammen. Welche Erfahrungen machen Sie mit solchen interdisziplinären Kooperationen?

Wir teilen Ihren Glauben an Cross Innovation, und sie ist ein zentraler Punkt unserer Arbeit. Zum einen in der direkten Arbeit mit unseren Partnern und Start-ups, wo bspw. Technologien aus dem Bereich der Saatgutaufreinigung auf diesem Weg nun Anwendung im Automobil- und Recyclingsektor finden. Und zum anderen ist die Cross Innovation zentrales Anliegen der jährlichen Circular Valley Convention, bei der wir den Austausch über Industriegrenzen und Wertschöpfungsketten hinweg fördern. Bayer, Henkel, Vorwerk, Volkswagen, Evonik, BASF und viele Hidden Champions aus dem Mittelstand findet man ansonsten nur sehr selten auf einer gemeinsamen inhaltlich ausgerichteten Veranstaltung.

Mit dem Circular Economy Accelerator unterstützt Circular Valley Start-ups bei der Entwicklung zirkulärer Geschäftsmodelle. Welche Voraussetzungen müssen Gründer:innen mitbringen, um Teil des Programms zu werden, und welche Chancen bietet es?

Das Programm zielt auf Start-ups, die sich „Giga-Themen“ widmen. Das sind bei uns Stoffströme, die eher in Milliarden Tonnen gemessen werden als in Tausenden von Tonnen. So finden wir z.B. die Verarbeitung von Meeresplastik zu Schmuck hilfreich, wenn es um das Schaffen von Bewusstsein geht, aber nicht, wenn es wirklich um ein Schließen des Plastikkreislaufes geht. Gründer:innen für unser Programm sollten sich mit einem materiell relevanten Thema befassen, wirklich neue Ideen haben und durch ihre Persönlichkeit auch das Potenzial, sie umzusetzen. Die Start-ups profitieren im Rahmen des Programms ganz besonders vom breiten Partnernetzwerk von Circular Valley. Sie lernen von Expert:innen aus Industrie, Wissenschaft und Wirtschaft, verfeinern mit ihnen ihre Geschäftsmodelle und Pitches und kommen mit potenziellen Partnern und Investoren ins Gespräch.

Im Rahmen der Online-Konferenz der Circular Week 2026 gestalten creative.nrw und Circular Valley gemeinsam eine Session, in der innovative nachhaltige Start-ups aus NRW vorgestellt werden. Welche Ideen oder Geschäftsmodelle beeindrucken Sie besonders? Und woran erkennen Sie, ob aus einer guten Idee eine echte Innovation werden kann?

Mich beeindrucken besonders Geschäftsmodelle, die auch einmal grundlegende Annahmen unseres Wirtschaftens hinterfragen. Ein gutes Beispiel dafür sind fainin und das Circular Library Network, die beide Teil unseres Circular Economy Accelerator-Programms waren und auch in unserer gemeinsamen Session mit creative.nrw dabei sein werden. Beide setzen beim Leihen an. Viele Menschen besitzen Dinge, die sie nur äußerst selten nutzen, ein Beispiel ist die Bohrmaschine. Solche selten benutzten Gegenstände könnten stattdessen in der Nachbarschaft oder einer Gemeinschaft geteilt werden. fainin schafft dafür eine sichere Sharing-Plattform, während das Circular Library Network mit seinen Sharing-Stationen die notwendige physische und digitale Infrastruktur bereitstellt. So wird aus „Haben“ tatsächlich „Nutzen“. Wohlstand muss nicht zwangsläufig Besitz bedeuten. Oft reicht der Zugang.
Bei der Auswahl unserer Start-ups schauen wir deshalb nicht nur darauf, ob eine Idee interessant oder technisch neu ist. Wir fragen uns zunächst, ob sie einen relevanten Beitrag zu einer Circular Economy leisten kann, welche R-Strategien sie nutzt und ob daraus bei entsprechender Skalierung ein großer positiver Umwelteffekt entstehen kann. Gleichzeitig muss eine echte Innovation einen klaren Unterschied zu bestehenden Lösungen bieten und das Potenzial haben, sich in der Praxis durchzusetzen. Eine gute Idee allein reicht dafür nicht. Sie muss ein relevantes Problem lösen, skalierbar sein und von einem Team getragen werden, das auch die Fähigkeit und den Willen hat, sie umzusetzen.

Die Online-Konferenz beschäftigt sich insbesondere mit der Frage, wie Städte zur treibenden Kraft der Circular Economy in Europa werden können. Gerade Nordrhein-Westfalen ist geprägt von einer dichten urbanen Landschaft mit einer Vielzahl von Städten unterschiedlicher Größe. Welchen Beitrag können kreative Unternehmen und Start-ups dazu leisten, dass NRW sein Potenzial nutzt und eine Vorreiterrolle einnimmt?

Kreative Unternehmen und Start-ups können dazu beitragen, dass in Städten unterschiedlichster Größe in NRW Ideen zur Schließung von Stoffkreisläufen tatsächlich in die Umsetzung gelangen. Durch sein hohes Aufkommen an „Post-consumer-Material“, umgangssprachlich als „Abfall“ bezeichnet, verfügen NRW und seine Städte über die Möglichkeit, Geschäftsmodelle der Circular Economy schnell groß zu machen.

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