22. 8. 2025
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Dirk Sander
Anthropia

Dirk Sander

Dirk Sander ist geschäftsführender Gesellschafter der gemeinnützigen Anthropia gGmbH. Gemeinsam mit den Gründungspartnern Franz Haniel & Cie GmbH, Kfw Stiftung und Beisheim Stiftung hat Anthropia die Impact Factory, einen Inkubator für wirkungsorientierte Gründer:innen, aufgebaut. Die Impact Factory ist Dirks dritter Impact-Inkubator. Als Regionalleiter bei der Social Impact gGmbH hat er bereits den Aufbau des Social Impact Labs in Bonn sowie des Social Impact Labs Duisburg als erster Impact-Schmiede im Ruhrgebiet geleitet. Zuvor war Dirk mehr als 17 Jahre in unterschiedlichen Führungsfunktionen für die Citibank tätig. Mit dem neuen Impact Factory Accelerator NRW unterstützt Anthropia gezielt gemeinwohlorientierte Start-ups in der Wachstumsphase. Als eins von sechs „NRW-Hubs“ wird das Programm vom NRW-Wirtschaftsministerium mit rund 1,2 Mio. Euro über drei Jahre gefördert.

Dirk, mit dem Impact Factory Accelerator (IFA) unterstützt die Landesregierung NRW erstmals ein Accelerator-Programm, das sich ausschließlich an sogenannte Impact Start-ups in der Wachstumsphase richtet. Was unterscheidet den IFA von klassischen Accelerator-Modellen?

Das Herzstück der IFA‑Programme ist der gesellschaftliche und ökologische Nutzen. Unsere Impact Factory in Duisburg wurde 2019 gemeinsam mit starken Partnern wie der Franz Haniel & Cie GmbH, der KfW Stiftung und der Beisheim Stiftung als größter deutscher Inkubator für wirkungsorientierte Gründer:innen aufgebaut. Die Programme sind gemeinnützig, werden vollständig über Fördermittel finanziert und verlangen weder Gebühren noch Unternehmensanteile von den Teams. Darüber hinaus begleiten wir Start‑ups nicht nur in einer kurzen „Pressure‑Cooker‑Phase“, sondern entlang des gesamten Entwicklungspfads. In der Inkubationsphase unterstützen wir bei Geschäftsmodell‑ und Prototypenentwicklung. Im neuen NRW-HUB für Gemeinwohlorientierte Gründungen (IFA) stabilisieren wir künftig die Teams rund um den Markteintritt und stellen gemeinsam mit ihnen Marketing‑, Finanzierungs‑ und Vertriebsstrategien auf; zudem bieten wir Coworking, Geschäftsadresse, Netzwerkzugang und ein strukturiertes Mentoring. Ziel ist es, Start‑ups bis zum Markteintritt und darüber hinaus zu begleiten, während viele klassische Accelerators ausschließlich auf schnelles Wachstum und finanzielle Rendite ausgerichtet sind. Wir wollen eine andere Wirtschaft entwickeln und halten dabei Kurs auf eine doppelte Rendite aus sozialökologischem und finanziellem Return on Invest.

Was sind die zentralen Herausforderungen für Impact-Gründer:innen in der Wachstumsphase – und wie unterstützt ihr sie dabei konkret?

Der Schritt von der Idee in den Markt ist für wirkungsorientierte Gründer:innen anspruchsvoll: Sie müssen finanziell nachhaltig sein und gleichzeitig ihre Mission wahren. Viele junge Teams kämpfen mit knappen Ressourcen – Programmierer:innen und Entwickler:innen sind rar und teuer –, gleichzeitig brauchen sie Sichtbarkeit und müssen ihre Geschichte überzeugend erzählen, um Kund:innen und Investor:innen zu gewinnen. Im IFA begleiten wir die Teams dabei, Vertrieb und Marketing strukturiert aufzubauen, eine solide Finanzierung zu organisieren und professionelle Governance‑Strukturen einzuführen. Unser Netzwerk von Expert:innen aus Wirtschaft, Zivilgesellschaft und Politik ermöglicht Zugang zu Fachwissen, Kooperationspartner:innen und Investor:innen. Durch das Landesförderprogramm „Startup‑Hub NRW“ erhalten wir zudem rund 1,2 Mio. Euro für drei Jahre, um Coaching, Infrastruktur und Netzwerk stark auszubauen.

Wann startet das neue Programm, und wer kann sich bewerben?

Der Impact Factory Accelerator wird als einer der sechs offiziellen „NRW‑Hubs“ ab September 2025 in Duisburg starten. Bewerben können sich Start‑ups, die über die Prototypenphase hinaus sind, ein skalierbares Geschäftsmodell verfolgen und mit ihren Produkten oder Dienstleistungen ein konkretes gesellschaftliches oder ökologisches Problem lösen. Das Programm ist auf die Wachstumsphase zugeschnitten; erforderlich sind ein engagiertes Team, erste Erfolge oder Kund:innen sowie der Wille, das Geschäftsmodell substanziell zu skalieren. Die Bewerbung erfolgt online über unsere Website, es gibt keinen Teilnahmebeitrag und wir nehmen keine Anteile.

Du sagst: „Diese Start-ups sind der Mittelstand von morgen.“ Was macht Impact Start-ups in deinen Augen zukunftsfähiger – und auch relevanter für die sozial-ökologische Transformation unserer Wirtschaft?

Impact‑Start‑ups verbinden Unternehmertum mit Gemeinwohlorientierung. Sie adressieren komplexe soziale und ökologische Herausforderungen und entwickeln innovative, skalierbare Lösungen – sei es in der Kreislaufwirtschaft, in der Pflege oder im Bildungsbereich. In der Impact Factory verfolgen wir nicht das Ziel, einzelne Gründer:innen oder Investor:innen zu bereichern, sondern möchten die Wirtschaft insgesamt verändern. Diese Unternehmen schaffen Mehrwerte, die über den finanziellen Gewinn hinausgehen, was sie robuster gegen Krisen macht und für Arbeitnehmer:innen und Kund:innen attraktiver. Viele junge Menschen suchen Sinn und Purpose; purpose‑getriebene Unternehmen gewinnen dadurch Talente und Kund:innen leichter. Sie werden meiner Meinung nach zum neuen Mittelstand, der langfristig stabile Arbeitsplätze schafft und gleichzeitig die großen ökologischen und sozialen Herausforderungen adressiert.

Die Impact Factory begleitet seit Jahren Gründer:innen, die gesellschaftliche und ökologische Herausforderungen unternehmerisch angehen. Welche Rolle spielt dabei die Kultur- und Kreativwirtschaft – und wo siehst du in diesem Bereich besonders großes Wirkungspotenzial?

Kreative Ansätze sind oft der Schlüssel, um komplexe Probleme neu zu denken. In der Kultur‑ und Kreativwirtschaft entstehen Ideen, die unsere Wahrnehmung verändern, Geschichten erzählen und Menschen emotional erreichen. Diese Branche treibt gesellschaftlichen Wandel, indem sie Inhalte und Erlebnisse kreiert, die Bewusstsein für Themen wie Klimawandel, Diversität oder soziale Gerechtigkeit schaffen. Viele unserer Gründer:innen stammen aus den Creative Industries; sie nutzen Design, Medienkunst oder Gaming, um Inklusion zu fördern oder nachhaltige Konsummuster zu etablieren. Und wenn die Gründer:innen nicht selbst aus den Creative Industries kommen, benötigen sie die Unterstützung von Akteur:innen aus der Kreativwirtschaft, um ihre Visionen verständlich zu kommunizieren, Nutzerzentrierung zu verankern und Produkte ansprechend zu gestalten. Die Kreativwirtschaft ist somit ein Katalysator für soziale Wirkung.

Nach über 17 Jahren in der klassischen Wirtschaft hast du selbst ein Sozialunternehmen gegründet und danach verschiedene Impact-Ökosysteme mit aufgebaut. Was hat dich persönlich dazu bewegt, dich so konsequent dem Thema Social Entrepreneurship zu widmen?

Nach 17 Jahren in Fach‑ und Führungsrollen bei einer internationalen Bank suchte ich nach mehr wirkungsorientierter Arbeit. Eine Einladung von Nobelpreisträger Muhammad Yunus führte mich zu einem mehrwöchigen Aufenthalt bei einer Grameen‑Bank‑Filiale in Bangladesch; dort habe ich erlebt, wie Mikrokredite Menschen aus der Armut holen. Darauf aufbauend gründete ich gemeinsam mit Dr. Jasson Kalugendo in Tansania die Mikrokredit‑NGO Empowerment Enterprises of Africa (EEA), was mir zeigte, wie unternehmerische Instrumente gesellschaftliche Probleme lösen können. Später gründete ich mit unterschiedlichen Mitstreiter:innen verschiedene NGOs und baute unter der Führung des Impact-Pioniers Norbert Kunz die Social Impact Labs in Duisburg und Bonn auf. Im Jahr 2018 lernte ich dann Oliver Kuschel kennen. Noch im selben Jahr gründeten wir die gemeinnützige Anthropia GmbH, bis heute Dachgesellschaft der Impact Factory. Dass wir als gemeinnütziges Unternehmen keine Profite an Anteilseigner:innen ausschütten können, empfinde ich als Befreiung: Unser Team arbeitet aus Leidenschaft für positive Wirkung. Für mich ist Social Entrepreneurship die passende Antwort auf eine Zeit, in der Menschen nicht mehr nur Profit, sondern Sinn und gesellschaftlichen Mehrwert suchen.

Die Landesförderung des IFA ist ein wichtiges Signal für die Zukunft. Was muss aus deiner Sicht geschehen, damit Impact-Gründung dauerhaft als wirtschaftlicher Innovationsmotor verstanden und gefördert wird – auch über NRW hinaus?

Die Förderung des Landes NRW ist ein wichtiges Signal, muss aber bundesweit und auf EU‑Ebene verstetigt werden. Wir brauchen Rahmenbedingungen, die Impact‑Unternehmen begünstigen: Zugang zu Kapital (z.B. staatliche Impact‑Fonds und steuerliche Anreize), wirkungsorientierte Beschaffung durch die öffentliche Hand und Regulierungen, die soziale und ökologische Leistungen belohnen. Zudem brauchen wir aussagekräftige Wirkungs‑Messinstrumente, damit Investor:innen und Politik den gesellschaftlichen Nutzen erkennen. In Think- & Do-Tanks wie dem Forum für Ökologisch-Soziale Marktwirtschaft und dem Institut für Sozialstrategie diskutiere ich die Notwendigkeit von Co‑Regulierung und Multi‑Stakeholder‑Initiativen, um Ethikstandards in der Wirtschaft anzuheben. Wenn Wirtschaft, Politik und Zivilgesellschaft gemeinsam klare Spielregeln festlegen und Impact‑Unternehmen in Cluster‑ und Netzwerkstrukturen integrieren, wird die gesellschaftliche Wirkung als Innovationsmotor sichtbar – und wirkt hoffentlich weit über NRW hinaus.

Mehr Infos zum Impact Factory Accelerator

Mit der Förderung von insgesamt sechs Hubs ab 2025 unterstützt das MWIKE gezielt die Wachstumsphase digitaler und impact-orientierter Start-ups in Nordrhein-Westfalen, darunter neben dem IFA auch ein Accelerator-Programm mit dem Schwerpunkt Künstliche Intelligenz des STARTPLATZ (Köln).
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