Ihr habt Anfang 2025 die Geschäftsführung des PopBoard NRW übernommen. Wo steht das PopBoard heute – und was habt ihr in dieser Zeit über die Bedürfnisse der Popkulturszene in NRW neu gelernt?
Anna: Heute steht das PopBoard NRW deutlich sichtbarer im Land – nicht nur auf dem Papier. 2025 haben wir mit Eigenveranstaltungen und Präsenzterminen die meisten Kulturregionen NRWs erreicht und gemerkt: Die Szene wächst da am stärksten, wo Menschen sich real begegnen. Neu gelernt haben wir vor allem zwei Dinge: Erstens, viele Errungenschaften für den Pop in der jüngeren Vergangenheit, wie eben auch die Gründung des PopBoard NRW, sind nicht automatisch gesetzt – gerade bei Popkultur muss man politisch und strukturell dranbleiben. Zweitens, die Bedarfe sind regional sehr unterschiedlich: In der einen Stadt ist das Top-Thema Proberaum und Lärmschutz, in der anderen fehlt es an Auftrittsorten, professionellen Strukturen oder an Know-how zu Fördermöglichkeiten. Das kann aber auch ein Vorteil sein, denn das heißt: Die Szene kann voneinander lernen und ist nicht immer ganz so abhängig von politischem Willen und monetärer Unterstützung, wie man denken könnte.
Ihr bringt sehr unterschiedliche berufliche Hintergründe mit – von Kulturmanagement über Verbandsarbeit bis zur eigenen musikalischen Praxis. Wie prägen diese Erfahrungen eure Arbeit, und welche Motivation steht hinter eurem Engagement als Geschäftsführungsteam?
Till: Ich glaube, dass gerade die Mischung aus unseren unterschiedlichen beruflichen Stationen und auch persönlichem Hintergrund die Grundlage für die Arbeit beim PopBoard ist. Zum einen habe ich mein Leben eigentlich schon immer in Proberäumen und auf Konzerten verbracht: Ich habe selbst gespielt, Konzerte organisiert und mich kontinuierlich in dieser Szene bewegt – nicht als Projekt, sondern als Teil meiner eigenen Identität seit der Jugend. Zum anderen bringen wir aber auch einen professionellen Hintergrund mit, der in der Kulturlandschaft gut anschlussfähig ist. Wir haben beide Musikwissenschaften studiert, in unterschiedlichen Verbänden gearbeitet und auch Erfahrungen in anderen musikalischen Kontexten gesammelt – ich selbst zum Beispiel eine Zeit lang in einem Orchesterbetrieb der klassischen Musik.
Das bedeutet: Wir sprechen beide Sprachen. Ich sehe mich als Teil der Musikszene und fühle mich ihr zugehörig. Gleichzeitig verstehe ich die Logiken von Fördergebenden, öffentlicher Verwaltung und Politik – ebenso wie die Sprache, die in der Kulturbranche vorherrscht. Genau diese Fähigkeit, zwischen beiden Welten zu übersetzen und zu vermitteln, ist aus meiner Sicht entscheidend, um einen Mehrwert für das PopBoard und für die Popkultur insgesamt zu schaffen.
Das PopBoard versteht sich als landesweite Interessenvertretung und als Schnittstelle zwischen Szene, Politik und Verwaltung. Wo gelingt dieser Brückenschlag aktuell gut – und wo braucht es aus eurer Sicht noch mehr politische Aufmerksamkeit oder Verständnis für Popkultur?
Anna: Der Brückenschlag gelingt gut, wenn alle Seiten anerkennen: Popkultur ist Kultur und Wirtschaft und Standortfaktor. Da kommen wir in Gesprächen zunehmend weiter! Vor allem, wenn wir konkrete Fälle mitbringen: ein Club, der wegen Lärmschutzauflagen wackelt; ein Festival, das an Sicherheitskosten scheitert; eine Band, die professioneller arbeiten will, aber im Fördersystem nicht andockt. Genau da liegt auch der Bedarf: Bei Förderprogrammen ist die Gleichstellung von Pop gegenüber Klassik/Jazz noch nicht da, wo sie sein sollte. Pop-Projekte fallen oft durchs Raster, etwa weil Formate andere technische Bedarfe oder andere Laufzeiten haben als in der Klassik. Und: Wir brauchen generell mehr Verständnis für Pop als schützenswertes Kulturgut. Ohne diese Basis hilft die schönste Talentförderung nur halb.
Themen wie Verteilungsgerechtigkeit, faire Vergütung, Diversität und Demokratisierung von Kultur sind fest in eurer Mission verankert. Wenn ihr auf die Pop- und Musikwirtschaft in NRW schaut: Wo drückt aktuell der Schuh am stärksten – bei Förderung, Infrastruktur, Sichtbarkeit oder an ganz anderer Stelle?
Till: Wenn wir ehrlich sind: Es ist ein Paket. Und wie Anna bereits gesagt hat, unterscheiden sich diese Bedarfe regional teilweise deutlich. Im Kern geht es jedoch immer um Wertschätzung. Solange Menschen, die Popmusik machen, belächelt werden – nach dem Motto „Das sind ja nur drei Akkorde“, solange Clubs vor allem als Geschäftsbetriebe verstanden werden und nicht als Orte kultureller Versorgung, und solange die Organisation von Konzerten oder Festivals – die ja nicht selten im Ehrenamt passiert – als reines Hobby abgetan wird, bleibt es grundsätzlich schwer, an den bestehenden Strukturen etwas zu verändern. Deshalb braucht es aus meiner Sicht eine Veränderung der Haltung gegenüber Popkultur. Denn erst wenn sich die ändert, werden sich auch die Strukturen nachhaltig verändern. Und genau dazu können – und müssen – wir mit unserer Arbeit beitragen.
Popkultur wirkt an der Schnittstelle von Kultur, Jugend, Stadtentwicklung und Kreativwirtschaft. Wie wichtig ist dieses ressortübergreifende Denken für die Zukunft des Musikstandorts NRW – und wie positioniert sich das PopBoard dabei strategisch?
Anna: Das ist entscheidend – weil Popkultur nicht in Ressort-Schubladen funktioniert. Ein Club ist Kulturort, Arbeitgeber, Innenstadt-Magnet, Jugendkulturraum und manchmal auch der letzte soziale Treffpunkt im Viertel. Strategisch heißt das für uns: Wir verbinden, statt gegeneinander auszuspielen. Im PopBoard NRW kommen Akteur:innen zusammen, die sehr unterschiedlich arbeiten: Clubbetreiber:innen ticken anders als Initiativen für musikalische Bildung, Festivals anders als Musikwirtschafts-Player. Unsere Rolle ist, gemeinsame Linien herauszuarbeiten und diese so zu formulieren, dass sie in Politik, Verwaltung und Gesellschaft andocken. Kurz: Wir sind Übersetzer, Sammelbecken und oft auch der freundliche Reminder, dass Popkultur alles andere als nur „nice to have“ ist. Das PopBoard NRW ist in seiner breiten, facettenreichen Mitgliederstruktur eine große Chance.
Wenn wir in zwei bis drei Jahre schauen: Woran würdet ihr messen, dass eure Arbeit beim PopBoard erfolgreich war – und welche Themen wollt ihr bis dahin unbedingt vorangebracht haben?
Till: Erfolg in der Verbandsarbeit ist natürlich nur schwer messbar. Wir werden realistischerweise auch niemals alle Ziele erreichen, die wir in unserer Vision und Mission formuliert habt – aber das ist auch nicht der Maßstab. Entscheidend sind die vielen kleineren Signale, die zeigen, dass unsere Arbeit wirkt: Werden unsere Veranstaltungen gut besucht? Gelingt es uns, Themen politisch oder medial zu platzieren? Werden unsere Beratungsangebote genutzt?
Für mich persönlich wäre ein zentraler Erfolg, wenn unsere Bekanntheit und unsere Glaubwürdigkeit innerhalb der Musikszene spürbar wachsen. Wenn ein relevanter Teil der Szene weiß: Da gibt es Menschen, die sich kontinuierlich und kompetent für unsere Interessen einsetzen. Das wäre für mich die wichtigste Bestätigung.
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